Welt : Lebenslauf und Lebenskunst: Wenn die Biodesigner sprechen

Gerhard Meisel

Erinnern wir uns: Gerade ein Vierteljahrhundert ist es her, da glaubte man, durch Kritik und soziale Veränderung eine von Zwängen befreite, demokratische Gesellschaft herbeiführen zu können. Systemkritik, Dialektik und Emanzipation waren die Schlüsselbegriffe einer Allianz aus Sozialforschern, Psychologen und Pädagogen, deren veränderungsfrohe Energien von dem Credo getragen wurden, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Wenigstens, so schränkten Vorsichtige ein, zu 80 Prozent.

Sterben die Sozialforscher aus?

Heute hat sich diese Zahl genau umgekehrt. Weit über drei Viertel unserer jeweiligen Individualität, so die Vorgaben der Genforschung, sind nicht sozial erworben, sondern durch die Erbanlagen programmiert. Auf diese Formel gründen manche Biodesigner nun ihre Visionen: nicht mehr die Mühsal sozialer Veränderung führt irgendwann zu einem von Insuffizienzen befreiten Menschenpark, sondern der gezielte und planende Eingriff ins Genom.

Eine Folge solch genetischer Neukombinatorik wäre langfristig das Überflüssigwerden und Aussterben bestimmter Berufe: etwa dem des Sozialforschers, Psychologen und Pädagogen. Was wiederum zur Folge hat, dass einige Vertreter dieser Berufe Bücher über ihre Unvermeidlichkeit schreiben. So etwa John Kotre, Psychologieprofessor an der University of Michigan. "Make it count" heißt sein Buch im Original, was der Hanser Verlag in "Lebenslauf und Lebenskunst - Über den Umgang mit der eigenen Biographie" ratgebermäßig schönte.

Indes geht es Kotre weniger um Lebensbewältigung als vielmehr um die Wirkungen einer Energieform, die er "Generativität" nennt und der er gleichsam die Bedeutung einer Weltformel zuspricht. Generativität bestimmt Kotre in Anlehnung an den Psychoanalytiker Erik Erikson als die "Kraft, die allen menschlichen Formen der Reproduktion zugrunde liegt, von den biologischen bis zu den geistigen". Generativität wäre folglich das aufs Kulturelle und Psychosoziale erweiterte Prinzip der Vererbung, also der Selektion und Neukombination von Erfahrungswissen.

Wer ein solch produktives Testament für die folgenden Generationen entwirft, muss sich fragen lassen, was er zum Erbe zählt, wie er dies begründet und welches Ziel er damit verfolgt. Methodisch folgt der Autor dabei seinem Vorbild Sigmund Freud, den er selten und dazu noch meist verharmlosend zitiert. Wie der Begründer der Psychoanalyse präsentiert auch Kotre eine Anzahl von Fallgeschichten aus der eigenen therapeutischen Praxis, die er im nächsten Schritt mit einem Mythenkanon synchronisiert, der von der Genesis über Shakespeare bis zu den Gebrüdern Grimm reicht.

Das Individuelle, das im Bekannten und Allgemeingültigen aufgeht, führt schließlich zu Deutungen und diese zu programmatischen Kapitelüberschriften wie "Dem Unheil ein Ende setzen" oder "Eine eigene Stimme finden". Ihr Gewicht erhalten solche Unverbindlichkeiten in der Nobilitierung der No-Name-Anamnesen durch die Psychohistorisierung berühmt-berüchtigter Persönlichkeiten. Aus Freuds Leonardo-Studie werden bei Kotre die Lebensvermessungen Florence Nightingales, Abraham Lincolns oder des durch die gewaltsame Selbstauslöschung seiner Sekte berühmt gewordenen Jim Jones.

In der luziden Rekonstruktion dieser Lebensgeschichten liegt die argumentative Stärke Kontres. Wie die Biographie der höheren Tochter Nightingale zwangsläufig in die Karriere der jungfräulichen Urmutter aller Krankenschwestern mündet und wie die Geschichte des Jim Jones zwangsläufig in der Urwald-Katastrophe von Jonestown aufgeht, sind Musterbeispiele plausibler Deutungsarbeit.

Das Unwort "Generativität"

Weniger nachvollziehbar bleibt dabei Kotres Manie, seine Fallbeispiele allesamt dem Prinzip der Generativität unterzuordnen. Dass Nightingale zweifellos als Muster einer nachwirkenden Humanisierung des Krieges angesehen werden muss wie andererseits Jones als Negativbeispiel verführender negativer Energie zu gelten hat, muss nicht dem Passpartout "verkommener" oder "gelingender" Generativität in Rechnung gestellt werden. Hier erscheinen nichts anderes als die beiden Pole der Conditio humana.

Die Zeiten, wo allein über die Deutung von Fallgeschichten schlüssige Erkenntnisse über das Wesen des Menschen zutage gefördert werden können, sind spätestens seit Freud vorbei. Dies scheint auch Kotre nach der Hälfte seines Buches erkannt zu haben. Um seinen Begriff der Generativität zu retten, flankiert er im letzten Teil seines Beitrags den psychosozialen Aspekt durch einen psychohistorischen. Kotre, selber 61 Jahre alt, entdeckt die Qualität des Alters und seines Erfahrungswissens für den demographischen Umbau der westlichen Gesellschaften.

Amerikanische Schwundstufen

Das bekannte Faktum, dass die Alten immer mehr und immer älter werden, münzt der kurz vor der Emeritierung stehende Psychologieprofessor um in einen Imperativ: Weg von der Vorstellung des zunehmend länger und in Muße verbrachten Lebensabends hin zu einer generativen Offensive der Senioren! Generativität, also kreatives Weitergeben statt Ruhestandsphantasien heißt die Aufforderung Kotres. Generativität heißt auch Verantwortung, und wer dieser Verantwortung nicht nachkommen will, dem gibt Kotre Nachhilfe in Statistik. Erstens: Die amerikanische Regierung gibt elfmal mehr für jeden Bürger über 65 als für einen unter 18 Jahren aus. Zweitens: 99 % der menschlichen DNS sind identisch.

Die sehr amerikanische Folgerung: weil künftige Geneingriffe sich eh nur im Schwundstufenbereich von einem Prozent abspielen werden, kommt einem bestimmten Bevölkerungsanteil eine besondere Verantwortung zu. Denen nämlich, die immer mehr und vom Staat immer besser alimentiert werden, also den Alten. Anders gesagt: Frage in den Zeiten von Biodesign nicht, was die Genforschung für dich tun kann, sondern was du für die Generativität tun solltest.

Ein sinnstiftendes Buch also. Aber keine Antwort auf die Fragen, die uns den Gentechnologie stellt.

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