Welt : Lebensschule Waldhof

Angela Merkels Vater war ein streitbarer Theologe – in der DDR und später. Jetzt starb Horst Kasner mit 85 Jahren

Jacqueline Boysen
Andacht im Freien. Pfarrer Horst Kasner im Jahr 2004 bei einem Gottesdienst im Wald bei Templin in Brandenburg, wo Angela Merkel aufgewachsen ist. Foto: Markus C. Hurek/dpa
Andacht im Freien. Pfarrer Horst Kasner im Jahr 2004 bei einem Gottesdienst im Wald bei Templin in Brandenburg, wo Angela Merkel...Foto: dpa

Er hat sie in ihrer Kindheit geprägt, sich aber selten an ihrer Seite gezeigt, seit sie Bundeskanzlerin ist: Horst Kasner, der Pastor und Vater von Angela Merkel. Im Alter von 85 Jahren ist er am Freitag gestorben. Die Bundeskanzlerin sagte deshalb alle Termine am Samstag ab. Unter anderem war sie in Mecklenburg-Vorpommern zum Abschluss des Wahlkampfes erwartet worden.

Horst Kasner lebte auf dem Waldhof bei Templin in Brandenburg. Hier wuchs die heutige Bundeskanzlerin auf, hier lebte sie mit ihren Geschwistern und Eltern, hier leitete ihr Vater über dreißig Jahre lang ein von ihm aufgebautes Pastoralkolleg der evangelischen Kirche, angrenzend an eine gleichfalls kirchliche Behinderteneinrichtung In Horst Kasners Einrichtung trafen sich Vikare und Pfarrer zur theologischen Fortbildung, zu Diskussion und Bibelarbeit.

Und hier erlebten sie einen großgewachsenen, autoritären Mann, der aus seiner Überzeugung kein Hehl machte. Horst Kasner zählte zu jenen Kirchenmännern im Bund der Evangelischen Kirche der DDR, die von den staatlichen Organen als „fortschrittlich“ anerkannt waren, die den Sozialismus in seiner DDR-spezifischen Erscheinungsform kritisierten, aber nicht rundweg ablehnten. Er habe die DDR etwas milder und nicht so kategorisch beurteilt wie sie, sagte Angela Merkel einmal im Interview.

Schildert Richard Schröder, Mitgründer der oppositionellen DDR-Sozialdemokratie 1989, den Vater von Angela Merkel als nicht konformistisch, so erinnern sich andere Theologen an Kasners sozialistische Überzeugung. Der „rote Kasner“ irritierte manchen Mitbruder mit seiner Suche nach einer konstruktiven Beziehung zwischen geistlicher und weltlicher Autorität.

Der am 6. August 1926 in Berlin-Pankow geborene Horst Kasner hatte in Heidelberg und Hamburg studiert. Aus der Hansestadt stammt auch seine Frau Herlind, das erste Kind der beiden, Angela, kam 1954 an der Elbe zur Welt. Kaum sechs Wochen war Angela alt, da folgten Mutter und Tochter dem Vater zu seiner ersten Pfarrstelle in das kleine Dorf Quitzow bei Perleberg. Recht archaisch muss es zugegangen sein, die junge Pfarrersfamilie versorgte sich aus dem Gemüsegarten selbst und der junge Pfarrer lernte, die Ziegen zu melken, wie Angela Merkel sich erinnert. Mit der Entscheidung, nach dem Studium im Westen wieder in die angestammte Heimat zurückzugehen, stand der junge Pfarrer Kasner in den 50er Jahren keineswegs alleine: Eine Reihe von Theologen ging ganz bewusst in die DDR, sei es, um am Aufbau des Sozialismus teilzuhaben, sei es, um der SED-Staatsmacht und ihrer aggressiven Entkirchlichungspolitik entgegenzutreten.

Dass die ost- und westdeutschen Teile der Familie mit dem Mauerbau getrennt würden, war damals nicht absehbar. Wohl hielten die Hamburger Verwandten von Herlind Kasner Kontakt über die Mauer hinweg und versorgten nicht zuletzt Angela und ihre Geschwister mit Kleidung wie auch die Bibliothek des Pfarrers und seines Pastoralkollegs mit Literatur. Doch ihre Heimatstadt war bis zum Mauerfall unerreichbar. Wie stark der innerfamiliäre Vorwurf an den Vater war, ist nicht überliefert, wohl aber der Ausspruch Angela Merkels, ihre Mutter sei „aus Liebe“ in den Osten gegangen.

Horst Kasner wurde 1957 vom damaligen Generalsuperintendenten und späteren Bischof Albrecht Schönherr mit dem Aufbau der Fortbildungseinrichtung für kirchliche Dienste, dem Pastoralkolleg betraut. Kasner, ehrgeizig und ambitioniert, widmete sich mit Fleiß und Ernsthaftigkeit dieser Aufgabe – damit den Kindern Vorbild, aber zugleich auch der sich rar machende Vater. Wie Angela Merkel berichtet, hat sie oft vergeblich auf ihn am Gartenzaun gewartet.

Ihre Kindheit auf dem Waldhof beschreibt die Bundeskanzlerin stets als idyllisch. Dennoch bricht sich das Bild von den paradiesischen Zuständen. Wohl war das weitläufige Gelände außerhalb von Templin ein großer Abenteuerspielplatz, ihre Klassenkameraden aber scheuten bisweilen den Besuch: Ihnen war die Nähe zu den Behinderten in dem kirchlichen Heim unheimlich. Die Pfarrerstochter Angela Merkel lernte in der Schule, dass sie nie ganz dazugehören würde. Noch so gut konnten ihre Leistungen sein, selbst mit einer Mitgliedschaft in der FDJ war ihre Herkunft aus der Pfarrersfamilie nicht zu verstecken. So unternahm sie als Kind unter dem Anpassungsdruck der Schule schon mal einen Versuch, den Beruf ihres Vaters zu vertuschen: Auf die Frage nach seiner Profession murmelte sie etwas, was wie „Fahrer“ klingen sollte. Das Pfarrerskind versuchte der Diffamierung zu entgehen. Und doch erlebte Angela Merkel auch ihres Vaters schützende Hand. Nicht er selbst, wohl aber die Institutionen der evangelischen Kirche werden im Hintergrund die Fäden gezogen haben, als nach einem frechen Streich die Schulleitung mit Konsequenzen drohte. Auch die Vergabe eines Studienplatzes in Physik an das Pfarrerskind war im Realsozialismus keinesfalls eine Selbstverständlichkeit.

Obgleich Horst Kasner die politische Überzeugung seiner Tochter nicht teilte, war er von väterlichem Stolz nicht frei. Von der Tribüne im Deutschen Bundestag aus verfolgten seine Frau und er die Wahl der Tochter zur Bundeskanzlerin. Privates hielt und hält die Kanzlerin sorgsam voneinander getrennt. Aber am Sonnabend musste die Politik aus persönlichen Gründen warten.

Die Autorin hat die Biographie „Angela Merkel. Eine Karriere“ verfasst.

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