Welt : Legendärer Postraub: Neuer Schachzug des englischen Gangsters Biggs?

Auch auf seine alten Tage ist Ronnie Biggs (71) offenbar gewieft wie eh und je. Der Anwalt des legendären englischen Posträubers bestätigte in Brasilien zwar den Wunsch seines Mandanten, nach 35 Jahren nach Großbritannien zurück zu kehren. "Er befürchtet, vor seinem Tod sein Heimatland nicht mehr sehen zu dürfen. Er wird aber auf keinen Fall hinter Gittern versauern wollen und nur im Fall eines Gnadenerlasses den Flieger nach London besteigen", versicherte Anwalt Wellington Mousinho ohne Umschweife.

In seiner von der "Sun" veröffentlichten E-Mail an Scotland Yard hatte Biggs beteuert, er wolle sich der Justiz seines Heimatlandes stellen und sei bereit, sich am Londoner Heathrow-Airport festnehmen zu lassen. Die Rückkehr sei "für die nächsten Tage" geplant, schrieb das Blatt. Für die Nachbarn von Biggs, die ihn Künstlerviertel Santa Teresa in Rio de Janeiro kennen und lieben gelernt haben, liegt die Sache aber anders.

"Biggsy ist krank und deprimiert, aber immer noch ein kaltblütiges Genie. Er will mit der Mail Mitleid erwecken und wird das erreichen", sagte der 20-jährige Joao, während er dem bunten Journalistentreiben vor dem Appartement von Biggs - unweit der Residenz des deutschen Konsuls in Rio - amüsiert beiwohnt. Auch Biggs Sohn Mike, ein eher erfolgloser Musiker, relativierte: "Er kann nur verlieren, wenn er einfach so weggeht." Unter anderem würde er wohl seine 15 Monate alte Enkelin Ingrid nicht wieder sehen.

Der gelernte Zimmermann Biggs war der Anführer der 15 Gangster, die 1963 den Nachtzug von Glasgow nach London ausraubten und mit 2,6 Millionen Pfund entkamen - damals etwa 28 Millionen Mark. Die Räuber wurden einen Monat später von Kommissar Jack Slipper gefasst. Biggs bekam 30 Jahre Gefängnis. Doch nach 15 Monaten konnte er mit einer Strickleiter ausbrechen. In Paris ließ er sich sein Gesicht verändern und floh dann über Umwege 1970 nach Brasilien.

In London müsste Biggs auch nach dieser langen Zeit mit seiner sofortigen Festnahme rechnen. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte am Freitag, Innenminister Jack Straw sei der Ansicht, der Posträuber müsse nach bestehenden Gesetzen seine Haft fortsetzen. Der gesundheitlich angeschlagene Rentner und Großvater könne auch in einem Gefängniskrankenhaus versorgt werden.

Unter Nachbarn und brasilianischen Biggs-Kennern macht sich derzeit eine andere Überzeugung breit. Die E-Mail von Biggs sei wohl von der "Sun" angeregt und auch gut bezahlt worden. "Und Ronnie verliert auch als alter Mann nicht das Geld aus dem Blick", sagt sein deutscher Freund Werner.

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