Welt : Leichtigkeit im Sein

Wie der Physiker Stephen Hawking seine Schwerelosigkeit genoss

Rainer Kayser

„Seit vier Jahrzehnten bin ich an den Rollstuhl gefesselt – schwerelos zu schweben, wird wundervoll sein“, sagte Stephen Hawking. Und dann war es so weit: Von einem Ärzte- und Helferteam begleitet, entschwand der weltberühmte Physiker in den sogenannten Kotz-Kometen (eine umgebaute Boing 727), um an Bord des Flugzeugs einige Sekunden der Gewichtslosigkeit zu genießen.

In rund zehn Kilometern Höhe begann die Maschine eine Reihe von steilen Parabelflügen. Dabei herrschte in der Spitze der Parabel an Bord des Flugzeugs jeweils für etwa 25 Sekunden Schwerelosigkeit. Vom Hilfspersonal aus dem Sitz gehoben, konnte Hawking frei umherschweben und sogar Pirouetten in der Luft drehen. Bis zu drei Parabeln waren ursprünglich geplant – doch der Physiker war so begeistert, dass daraus schließlich sogar acht Runden Schwerelosigkeit wurden.

„Es war erstaunlich – ich hätte immer so weitermachen können“, schwärmte Hawking hinterher. Der heute 65-jährige britische Physiker leidet seit seinem 21. Lebensjahr an der Nervenerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose, die bei ihm inzwischen zu einer nahezu vollständigen Lähmung geführt hat. 1985 verlor Hawking durch einen Luftröhrenschnitt die Fähigkeit zu sprechen. Seither kann er sich nur noch über einen Sprachcomputer äußern, den er weitgehend mit seinen Augen steuert.

Trotz seiner Krankheit wurde Hawking zu einem der bedeutendsten Forscher der Gegenwart. Zu seinen wichtigsten Arbeitsgebieten zählen die Kosmologie und die Erforschung der schwarzen Löcher.

Eine von Hawkings herausragenden Entdeckungen ist, dass schwarze Löcher nicht völlig schwarz sind, sondern durch einen Quanteneffekt Strahlung aussenden können – die nach ihm benannte „Hawking-Strahlung“. 1974 nahm die britische Royal Society of Science den damals erst Zweiunddreißigjährigen als eines ihrer jüngsten Mitglieder auf. Fünf Jahre später berief ihn die Universität Cambridge auf den „Lucasischen Lehrstuhl“ für Mathematik. Hawking wurde damit Nachfolger so bedeutender Wissenschaftler wie Isaac Newton und Paul Dirac.

Jetzt plant Hawking bereits seinen nächsten Schritt ins Weltall. Schon in zwei Jahren will der Physiker mit dem „Spaceship Two“ des britischen Unternehmens Virgin Galactic einen Flug bis in über einhundert Kilometer Höhe unternehmen – das ist die offizielle Grenze des Weltraums.

Das Touristenraumschiff wird derzeit vom amerikanischen Ingenieur Burt Rutan entwickelt und soll bis zu sieben Passagieren mehrere Minuten Schwerelosigkeit bieten. Dem ebenfalls von Rutan gebauten „Spaceship One“ gelang es 2004 als erstem ohne staatliche Hilfe gebauten bemannten Raumfahrzeug, in den Weltraum vorzudringen. Um die Kosten seines Flugs – rund 150 000 Euro – muss Hawking sich keine Sorgen machen: Virgin Galactic will dem Physiker die Reise spendieren.

„Ich wünsche mir seit langem, ins Weltall zu reisen“, sagte Hawking, „ein Schwerelosigkeitsflug ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einem richtigen Raumflug. Ich hoffe, viele Menschen folgen meinem Weg.“

Denn dem Physiker ist die Förderung der bemannten Raumfahrt ein wichtiges Anliegen. „Das Leben auf der Erde ist einer stetig steigenden Zahl von Bedrohungen ausgesetzt: globale Erwärmung, Atomkrieg, genetisch veränderte Viren und anderes. Ich denke, dass die Menschheit keine Zukunft hat, wenn sie nicht ins All vordringt.“

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