Leihräder in New York : „Citibike NYC“ im Großstadtdschungel

Bislang gab es viele Gründe, in New York aufs Radfahren zu verzichten. Doch jetzt kommen Leih-Drahtesel.

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Spießig, aber praktisch. Auf den Damenrädern von Citibike mit Dreigangschaltung und Kettenschoner können New Yorker und Touristen zum kleinen Preis durch die Stadt fahren.
Spießig, aber praktisch. Auf den Damenrädern von Citibike mit Dreigangschaltung und Kettenschoner können New Yorker und Touristen...Foto: REUTERS

Straßenschluchten mit sechs Spuren, schwarze Abgaswolken aus schnaufenden Bussen, wildes Hupen und gelbe Taxis, die fahren wie beim Autoscooter: In New York City ist Verkehrschaos Alltag. Im Sommer ist es noch schlimmer, wenn sich Touristen in Pferdekutschen und Rikschas durch die Stadt karren lassen. Ganz Mutige können sich jetzt dennoch per Fahrrad in den Großstadtdschungel stürzen. Seit kurzem läuft das Bikeshare-Programm „Citibike NYC“ mit 6000 Leihfahrrädern. Es ist das größte in ganz Amerika.

In New York gibt es bislang viele Gründe, aufs Radfahren zu verzichten und auf U-Bahn oder Taxi umzusteigen: Fahrräder kann man in der Stadt nicht gut anschließen und sie werden häufig geklaut. Es ist auch nicht das Wahre, verschwitzt ins Büro zu kommen. Und wer den Kinofilm „Premium Rush“ gesehen hat, in dem sich ein todesmutiger Fahrradkurier von der Columbia University bis nach Chinatown durchschlagen muss, der fühlt sich auch nicht gerade motiviert, den Drahtesel zu benutzen.

Zumindest um den Diebstahl seines Rads muss man sich nun keine Sorgen mehr machen. Die blauen Citibike-Flitzer stehen alle paar Blocks fest verankert auf tonnenschweren Stahlplatten. Schlüssel rein, anheben, und schon ist das Fahrrad frei. Biker mit Jahresmitgliedschaft fahren sogar 45 Minuten umsonst. Bei einer ersten Testfahrt reicht das für elf Kilometer. Sie beginnt am Washington Square Park. Das erste Schlagloch lässt nicht lange auf sich warten – in Manhattan ist Konzentration gefragt. Nach ein paar Blocks die erste Begegnung mit einem anderen Citibiker. Er hebt die Hand zum Gruß, wie ein Trucker auf der Autobahn. Minuten später ist es mit dem Community-Gefühl vorbei. Auf dem Radweg entlang des Hudson River schrillt von hinten eine Fahrradklingel. Ein Peloton semiprofessioneller Biker im Renndress rast vorbei.

Da kann das Citibike nicht mit. Das Fahrrad ist nicht schnell, und es ist nicht schick. Es ist ein „step-through“, zu Deutsch: ein Damenrad. Mit breitem Sattel, Dreigangschaltung und Kettenschoner. Das ist spießig, aber praktisch. Praktisch sind auch die Fahrradstreifen im Big Apple. New York hat ein ganzes Netz davon. 560 Kilometer ziehen sich durch Manhattan, als Kern einer Infrastruktur, die Bürgermeister Mike Bloomberg in zwölf Jahren aufgebaut hat. Der Start von Citibike ist ein Triumph für ihn und seine Verkehrsbeauftragte Janette Sadik-Khan. Beide haben jahrelang unermüdlich für ein Bikeshare-Modell gekämpft und schließlich gewonnen. Gegen den Protest der Autolobby, die statt Fahrradstreifen Parkplätze wollte. Gegen Anwohner, die keine Fahrradständer vor ihrem Gebäude wollten. Tausende von Besprechungen hat man abgehalten, ungezählte Studien angefertigt – jetzt muss sich das Citibike beweisen. Die ersten Radler sind begeistert. Unter ihnen ist Adam Greenfield, von Beruf Urbanist. Er findet das Bikeshare-Programm „fabelhaft“. Es sei nicht weniger als eine Revolution, sagt er. „Das Fahrrad ist die Demokratisierung der Straße“, sagt er. Noch sei das Citibike mit 95 Dollar im Jahr zu teuer für viele New Yorker. Doch wenn der Preis einmal sinke, „dann wird das Fahrrad optimal den Nahverkehr mit U-Bahn und Taxis ergänzen“.

Ergänzen oder konkurrieren, das ist die Frage, die man sich hingegen bei der Nahverkehrsbehörde MTA stellt. In den nächsten Monaten will man die Nutzerzahlen der etablierten Netze genau beobachten und sehen, welchen Effekt die Fahrräder haben. Auf jeden Fall wird das Citibike eine Stadt weiter verändern, die schon seit 20 Jahren einen Wandel durchläuft. Wo einst am schummrigen Times Square Pornokinos standen, wo Banden ganze Straßenstriche im Griff hatten, herrschen heute Ordnung und Sauberkeit. Es mag Bloombergs Vorgänger Rudy Giuliani gewesen sein, der New York aufgeräumt und sicher gemacht hat, Bloomberg macht die Hudson-Metropole nun lebenswert, mit neuen Parks und Fahrradwegen. Bei einer Pressekonferenz gab es Applaus für den Bürgermeister, und die Zeitung „New York Times“ lobte später, dass das Fahrrad im Pendler-Test manche Strecken schneller geschafft hat als das Taxi und die U-Bahn.

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