Leipzig : 6000 Darsteller proben für die Völkerschlacht am Sonntag

Auf zum Gemetzel, am Sonntag ist Völkerschlacht in Leipzig. Ein Besuch bei der Vorhut, die sich schon mal trinkend in Stellung bringt. Es gibt unzählige Vereine auf der Welt, die an Wochenenden alte Schlachten schlagen. In Leipzig kommen sie jetzt zusammen.

Christine Keilholz[Leipzig]
Spielend in den Krieg. Ein grimmiger Franzosenkaiser beim Appell der Ehrengarde der sächsischen Leibgrenadiere am Mittwochabend. Foto: Jan Woitas/dpa
Spielend in den Krieg. Ein grimmiger Franzosenkaiser beim Appell der Ehrengarde der sächsischen Leibgrenadiere am Mittwochabend....Foto: dpa

Noch keinen Schuss abgefeuert, aber schon hoch die Tassen. Im Dörfchen Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, wartet die Spitze der Zarenarmee am Stehtisch auf den Gegner. Die Bierkrüge sind groß, die Hosen eng. Alexej Danielowsk, russischer General im vollen Federschmuck, mit Oberst Alexej Arschenow. Im wahren Leben ist der eine Hotel-Manager in Moskau, der andere Ex-Offizier und Businessman. Aber, wenn sie losgelassen, dann ziehen sie über die historischen Schlachtfelder des Vaterländischen Kriegs gegen Napoleon Bonaparte. „Letztes Jahr war 200 Jahre Schlacht bei Borodino.“ Das ist das Dörfchen bei Moskau, wo Napoleon gerade so gegen die Russen gewann.

General Danielowsk gibt den Gockel

„Dieses Jahr Leipzig. Und nächstes Jahr nehmen wir Paris ein“, lacht Oberst Arschenow ein tiefes, russisches Lachen. General Danielowsk gibt den Gockel, spricht nur französisch und lamentiert, dass er an der Napoleon-Zeit das „chevaleresque“ Gehabe sehr schätze. Aber das Landbier hier in Sachsen schätzt er auch.

Echte Russen. Alexej Arschenow, Geschäftsmann, und Alexej Danielowsk, Hotel-Chef, müssen gleich auf den Feldherrenhügel. Vorher testen sie noch, wie viel Landbier in die engen Hosen passt. Foto: Christine Keilholz
Echte Russen. Alexej Arschenow, Geschäftsmann, und Alexej Danielowsk, Hotel-Chef, müssen gleich auf den Feldherrenhügel. Vorher...

Das Kriegsvolk macht es nicht besser: Vorm Liebertwolkwitzer Konsum lungern Jungs von der kurmärkischen Landwehr. Sie rauchen Chesterfield und lassen die Pulle kreisen. Wann sie losstürmen? Keine Ahnung! Ihr Chef kommt noch. Was in der Pulle ist, heißt „schlesischer Landwein“. Das schmeckt in etwa so, wie es klingt.

Saufen für den Frieden

Mit dem Jubiläum der Völkerschlacht, die zwischen 16. und 18. Oktober 1813 bei Leipzig ausgefochten wurde, hat mancher Leipziger seine liebe Not. Was soll man aber auch machen, wenn sich eins der größten Gemetzel aller Zeiten zum 200. Mal jährt? Der sächsische Weg: Man veranstaltet ein gigantisches Nostalgiker-Spektakel, debattiert über Völkerverständigung und feiert den Umstand, dass man heute klüger ist. Höhepunkt ist am Sonntag ein großes Schlacht-Nachspiel, bei dem 6000 Verkleidete aus aller Welt so tun, als wäre 1813 und Napoleon stünde vor der Tür.

Wäre wirklich 1813 und stünde der Franzosenkaiser Napoleon vor der Tür, dann hätte der einen desaströsen Rückzug aus Russland hinter sich. In Moskau wäre seine lange Siegeskette abgerissen. Mit Gewalt hätte sich der trotzige Franzosenkaiser noch mal ein Heer von 440 000 Soldaten zusammenrekrutiert, viele aus Süddeutschland. Die stünden nun im Leipziger Südraum 180 000 Russen, 160 000 Preußen, 130 000 Österreichern und 23 000 Schweden gegenüber. Viele Sprachen, viele Völker, eine Völkerschlacht.

An den Uniformen zur Völkerschlacht stimmt jedes Knopfloch

An den Originalschauplätzen läuft seit Mitte der Woche ein Wiedersehen der internationalen Reenactment-Szene, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Diese Szene gefällt sich darin, zu jedem Jubiläum, oder besser noch in jedem Jahr, manche gar an jedem Wochenende in historischen Kostümen alte Schlachten zu schlagen.

Die Vereine und aktiven Napoleon-Freaks legen Wert darauf, bis zum Knopfloch originalgetreu aufzulaufen. Deshalb wurden im Kulissen-Vorort Liebertwolkwitz noch schnell Zivilisten angeheuert, die für zeitgenössisches Lokalkolorit sorgen sollen. Problem dabei: Mitte Oktober 1813 stünde, streng genommen, südlich Leipzig kein Stein mehr auf dem anderen. Es würden keine rosigen Marketenderinnen Zwiebelzöpfe binden, es würden keine Kinder Seil springen, es würde kein Schneiderlein seelenruhig nähen. Nein, hier in der Gegend wäre jedes Dorf verbrannt, jede Familie vertrieben, jedes Huhn verschlungen, jede Maid geschändet.

Die Völkerschlacht vor den Toren von Leipzig wird historisch genau nachgespielt

Was aber würde das Publikum dazu sagen, würde auch das neu inszeniert. Das Gefecht am Sonntag wurde von einer militärhistorischen Kommission entwickelt und geprüft. Das hügelige Gelände nahe Markkleeberg mitsamt historischem Kulissendorf passt zu Dokumenten und Bildern, 500 000 Quadratmeter knallechte Kriegsatmosphäre. Stolze Gastgeber sind die Sachsen, obwohl sie vor 200 Jahren auf der falschen Seite standen.

Tobias Reh hat die Schnauze voll. Dem Kanal-Tiefbauer aus der sächsischen Leichtinfanterie stecken viele Schlachten in den Knochen. Im Mai die Schlacht bei Bautzen, im August Großbeeren, im September Dennewitz. „Immer mussten die Sachsen als Verbündete den Rückzug der Franzosen absichern. „Wir wurden ja permanent zusammengeknallt“, sagt er. „Und jetzt ist der Krieg im eigenen Land.“ Die grüne Uniform hat Reh selbst genäht, alles von Hand. Wenn er kaputt von der Arbeit kommt, dann sagt er sich: „Los, noch 30 Zentimeter Naht.“ Als Kind mochte er Zinnsoldaten, später trat er einem der Leipziger VölkerschlachtVereine bei.

Ein Mummenschanz fürs Publikum, wie jetzt gerade, „das ist nur ein Drittel von unserem Hobby“, beteuert der 48-Jährige. Der Rest sind Recherche und nähen, nähen, nähen. Vor Jahren hat er im Stadtarchiv von Torgau Schnittmuster für einen Uniformrock gefunden, noch echt mit Knopfrabatte und Ärmelaufschlägen. „Das war so’n richtiges Indiana-Jones-Gefühl.“

Aber als letzter Schütze im Franzosenheer fühlt sich der Sachse Reh nicht so wohl. Viele seiner Kameraden sind schon zu den Alliierten übergelaufen, die ja sowieso gewinnen. Will er nicht auch rübermachen? „Das ist in der Szenerie eigentlich nicht vorgesehen“, sagt er. „Aber ma guckn!“

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