Lena Meyer-Landrut : "Das Leben ist nicht immer Wahnsinn"

Sie hat den Eurovision Song Contest und das Abi hinter sich. Lena Meyer-Landrut über Karriereknicks, Freud und den Respekt vor großen Hallen.

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Damals, in Oslo. Die Hannoveraner Abiturientin gewann mit „Satellite“ den Eurovision Song Contest.Foto: ddp

Dein Sieg in Oslo ist jetzt neun Wochen her. Manche prognostizieren ein schnelles Karriereende. Bist du vielleicht sogar erleichtert, dass sich der Wahnsinn normalisiert?

Och, erleichtert nicht. Aber ich bin auch nicht gerade am Boden zerstört. Ich glaube, das ist etwas ganz Natürliches, dass der Wahnsinn abebbt. Das Leben an sich ist ja nicht ständig der Wahnsinn. Das Leben an sich ist eher mittlerer Durchschnitt. Es gibt Momente darüber und Momente darunter, mein Zustand im Moment ist aber Durchschnitt, das ist normal und gut. Andere nennen das Karriereabsturz, weil’s jetzt halt nicht mehr so hypermega ist. Ich fühle mich cool.

Welchen Platz nimmt Oslo im Kopf ein?

Ich war gerade in Schweden auf dem Pride Festival in Stockholm, da habe ich ein paar von den anderen ESC-Kandidaten wiedergetroffen, zum Beispiel Didrik aus Norwegen, Hera aus Island, Anna aus Schweden und die Safura … Das war der absolute Wahnsinn. Wir haben uns so gefreut. Es war, als ob sich eine Familie nach langer Zeit wiedertrifft. Da habe ich noch mal richtig gemerkt, wie einschneidend das Erlebnis Eurovision Song Contest für uns alle war. Das ist umso mehr ein Grund dafür, dass ich mich auf die Wiederholung nächstes Jahr freue. Weil ich weiß, dass es dann wieder so sein wird.

Meinst du? Bist du denn wirklich fest entschlossen, 2011 noch mal anzutreten? Oder kann man dir das noch ausreden?

Nein! Das ist alles schon entschieden.

Musste Stefan Raab dich überreden?

Viele hielten es für einen Witz. Das stimmt, am Anfang war’s ’ne Flachsidee. Wir haben vorher überlegt, wie wir weitermachen, wenn ich den 16. oder den neunten Platz mache. Und was wir tun würden, falls ich tatsächlich gewinnen sollte. Da hat Stefan gesagt: „Dann machen wir’s noch mal.“ Und ich: „Ja, äh, alles klar!“ Und ich glaube, das ist die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.

Warum?

Weil die aus dem Bauch herauskam.

Du wohnst noch in Hannover, hast aber eine kleine Zweitwohnung in Köln. Wie sieht denn im Moment dein Alltag aus?

Normal, ich koche, ich lese, ich putze, ich gucke DVDs. Gestern war ich im Kino und habe „Toy Story 3“ gesehen. War ganz cool, aber die 3-D-Effekte haben mich nicht so weggeflasht. Und ich lese gerade Sigmund Freuds „Psychoanalyse“. Das ist sehr interessant. Im Moment geht es darum, wie man vorhandene Ticks bei Menschen mit Hypnose dadurch bekämpft, dass man sie im Unterbewusstsein wieder hervorruft und damit die Blockade im Gehirn löst.

Stichwort Blockade: Würdest du dein jetziges Leben gegen dein früheres eintauschen? Gibt es etwas, was du vermisst? Deine Anonymität?

Nee, absolut nicht. Ich würde nicht tauschen wollen, glaub’ ich. Einfach, weil ich jetzt plötzlich so viele von meinen Ideen verwirklichen kann, von dem, was immer mein Wunsch war, aber so weit entfernt schien, dass es gar nicht real war.

Was war denn dein Wunsch, damals?

Kunst zu machen.

Kunst ist ein weiter Begriff. Das kann Menschen ja auch überfordern, wenn man so viele Möglichkeiten hat: Musik, Schauspiel, Film, Fernsehen …

Im Moment konzentriere ich mich voll auf die Musik und habe nur diesen einen kurzen Abstecher zum Synchronsprechen gemacht – als Schildkröte Shelly im Kinofilm „Sammys Abenteuer“. Ich denke, ich mache das so in Abschnitten: Wenn der Eurovision Song Contest nächstes Jahr hinter mir liegt, dann überlege ich mir, auf was ich Lust habe. Vielleicht ist das dann Musik, vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht Schauspielerei. Oder ich male Ölgemälde in der Toskana (lacht). Auch schön.

Wann warst du zuletzt feiern?

Zuletzt war ich in Hamburg tanzen. Das habe ich aber auch früher schon oft gemacht.

Mit Perücke?

Ohne Perücke! Wir waren einen Tag lang auf einem Elektrofestival, das war total geil, da hat Stimming aufgelegt. Viele wollen dann Fotos haben mit mir, aber das ist okay, die meisten sind sehr nett. Es gibt immer so ein bis zwei, die unhöflich sind oder penetrant, aber da muss man dann halt ein Wörtchen sagen, und dann ist Ruhe.

Ein Blick auf die Tour 2011: Du gibst im April neun Konzerte in den größten Arenen des Landes. Hat das etwas Bedrohliches für dich oder freust du dich nur darauf?

Ich habe riesig Bock drauf! Ich hatte in Schweden viele Auftritte zum Beispiel auf Radiofestivals, und da habe ich noch mal gemerkt: Mit so ’ner Liveband spielen, das ist einfach geil.

Aber vor 10 000 Leuten kann man doch einen Haufen Respekt entwickeln.

Ja, das stimmt. Das ist schon krass. Aber ich habe es mir selbst so ausgesucht. Ich hätte ja auch sagen können, ich mache 30 bis 40 Konzerte auf kleineren Bühnen. Aber ich habe für mich gedacht: Ich muss meinen Körper ein bisschen schützen. Ich habe noch nie ein Konzert gegeben, das länger ging als 20 Minuten. Und dann 40 mal zwei Stunden? Das hätte mich fertiggemacht. Deswegen habe ich es lieber so geplant: Nur neun Konzerte, aber dafür ein bisschen größer.

Würde es dich freuen, wenn der ESC 2011 in Hannover stattfindet? Oder wärst Du enttäuscht, falls es nicht Berlin wird?

Also, ich bin natürlich immer für Hannover und wäre auf keinen Fall enttäuscht, wenn es nicht Berlin wird. Ich finde nur grundsätzlich Berlin als Hauptstadt repräsentativ für Deutschland. Man muss einfach abwarten, die Entscheidung liegt ja zum Glück nicht bei mir.

Und wann kommt das zweite Album?

Wir haben noch nicht angefangen zu schreiben, aber das wird jetzt bald passieren. Jetzt mache ich erst mal zwei Wochen Urlaub. Nächste Woche fliege ich weg.

Und was nimmst du mit? Was hast du gelernt über das Leben in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen?

Man darf alles nicht so hochhängen. Es ist einfach wichtig, so zu bleiben, wie man ist. Ganz bei sich. Man selbst. Damit man hinterher nichts zu bereuen hat.

Das Gespräch führte Imre Grimm.

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