Welt : Letzte Chance: Ein Finger

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Frankfurt (Main). In Frankfurt ist am Freitag die größte Untersuchung von Fingerabdrücken in der deutschen Kriminalgeschichte angelaufen. Dem Aufruf, damit zur Aufklärung des Mordfalls Tristan beizutragen, sind am Freitag mehrere hundert Frankfurter Männer gefolgt. Insgesamt will die Polizei die Fingerabdrücke von 14 442 Männern aus sechs westlichen Frankfurter Stadtteilen aufnehmen. Die Fingerabdrücke sollen ausschließlich in diesem Mordfall verwendet werden. „Die Massenuntersuchung bringt uns bei den Ermittlungen einen großen Schritt weiter – auch wenn der Täter nicht auftaucht, können wir den Kreis der Verdächtigen erheblich einschränken“, sagte Polizeisprecher Peter Borchardt. Der 13-jährige Tristan war Ende März 1998 in einer Unterführung im Bahnhof des Frankfurter Stadtteils Höchst ermordet worden.

13 000 Spuren verfolgten die Ermittler seitdem ohne Erfolg. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter aus den westlichen Frankfurter Stadtteilen stammt. „Die Untersuchungen haben ergeben, dass der Täter Ortskenntnis hatte“, sagte Polizeisprecher Jürgen Linker. Der Unbekannte hatte einen blutigen Fingerabdruck auf einem Schreibheft Tristans hinterlassen.

Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Job Tilmann rechnete sich „eine gewisse Erfolgschance“ der aufwändigen Aktion aus. Es sei durchaus möglich, dass der Täter sogar zu der Fingerabdruck-Aktion erscheine, die bis 29. Mai dauern soll. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass bei solchen Massenuntersuchungen der soziale Druck auf den Täter sehr hoch sei. Dennoch gelte nicht gleich als verdächtig, wer zu der Aktion nicht erscheine.

Der Fingerabdruck ist ein unauslöschliches Identifizierungsmerkmal des Menschen. Selbst wenn man sich die Muster der so genannten Papillarlinien mit Gewalt entfernt, wachsen sie nach. Für Kriminalisten ist die Einmaligkeit des menschlichen Fingerbildes von größtem Interesse. Vom Embryo bis über den Tod hinaus kann der Fingerabdruck die Identität eines Menschen eindeutig bestimmen. Selbst bei eineiigen Zwillingen gibt es keine Übereinstimmung. Das individuelle Muster ist auch nicht vererbbar.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Daktyloskopie („Fingerschau“) als Wissenschaft von der Indentifizierung und Klassifizierung von Fingerabdrücken. Bei der deutschen Polizei wurde die Daktyloskopie Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt. Auch wenn Gentests in der Kriminalistik eine immer größere Bedeutung gewinnen, wird der Fingerabdruck seine Bedeutung nach Einschätzung von Kriminalisten nicht verlieren.

Fingerabdrücke entstehen durch Schweiß oder Schmutz auf den Fingerkuppen, die auf berührten Gegenständen zurückbleiben. Die oft unsichtbaren Spuren können je nach äußerem Einfluss sehr lange haltbar sein. In Deutschland gilt ein Identitätsnachweis auch bei unvollständigen Abdrücken als geführt, wenn zwölf Übereinstimmungen nachgewiesen werden können.

Schwarze Finger werden bei der Abnahme von Fingerabdrücken vielleicht schon bald der Vergangenheit angehören. Derzeit laufen bei der Polizei Testversuche mit der digitalisierten Abnahme von Fingerabdrücken.

Seit 1994 verwendet die deutsche Polizei das Automatische Fingerabdruck-Identifizierungssystem (Afis), das einen Vergleich mit der zentralen Fingerabdruckdatenbank ermöglicht. Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden waren Ende 2000 die Fingerabdrücke von rund 2,9 Millionen Personen gespeichert. Nach zehn Jahren werden die Daten gelöscht, wenn die Person in der Zwischenzeit nicht mehr polizeilich in Erscheinung getreten ist. Die Fingerabdrücke der Massenuntersuchung in Frankfurt werden in einer eigenen Datei geführt und nur so lange gespeichert, bis sie mit den Tatortspuren verglichen wurden.dpa/tb

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