Welt : Letzte Hoffnung Emsdetten

Der Alltag ohne Strom ist schwere Arbeit – In Steinfurt gab es auch am Montag noch keinen

Christiane Hildebrand-Stubbe[Steinfurt]

Ein Königreich für einen Kamin, eine Taschenlampe, einen Gaskocher! Wie fremd klingen plötzlich Begriffe wie „Wireless Lan“ oder „Download“. Seit Freitagabend erlebe ich das „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshof“ live. Seit Freitag muss ich mit meiner Familie auf dem Bauernhof in Ostendorf ohne Strom zurechtkommen. Von ländlicher Idylle keine Rede mehr.

Freitagabend, 20 Uhr 45: Nach Computerabstürzen am Arbeitsplatz und Nachrichten, dass auch unser Hof vom Stromnetz abgehängt ist, kehre ich ins unversehrte Haus zurück. Licht und Heizung funktionieren wieder. Es ist mollig warm. Alles ist wie immer. Fünf Minuten lang. Dann gehen wieder die Lichter aus …

Wie gut, dass Ikea dieses Super-Sonderangebot hatte: An Kerzen mangelt es nicht. Mit den Taschenlampen ist das allerdings so eine Sache. Wo ist die neue Super-Halogen-Lampe? In der anderen fehlen Batterien. Eine tut’s dann doch. In ihrem Licht werden die Pferde gefüttert. Sie sind erstaunlich ruhig, spüren etwas.

Die Menschen behelfen sich. Küche und Diele liegen im Kerzenschein – fast ein Bild der Idylle. Fast adventlich. Draußen ist alles dunkel. Mit Hilfe von Taschenlampe und Kerzen werden die nötigsten Dinge erledigt. Auch der Gang zum stillen Örtchen. Wärme spendet das Herdfeuer. Holz haben wir genug. Wir gehören zu den Privilegierten. Gesellschaftliche Unterschiede werden plötzlich ganz neu definiert: Kamin oder nicht Kamin.

Völlig ungewohnt, fast Angst machend, die Stille im Haus. Telefon und Handy? Fehlanzeige. Nicht mal der Kühlschrank brummt. Zum Abendessen gibt es kalte Küche, ein Glas Rotwein sorgt für Bettschwere. Und die Hoffnung, dass morgen wieder alles so ist wie gewohnt. Im Halbdunkel wird sich ausgezogen, der Schlaf kommt spontan. Die Nachtruhe stört nur der Gedanke ans Feuer, das nicht ausgehen darf . Zwei Mal wird Holz nachgelegt.

Samstag: Das Tageslicht suggeriert Normalität. Die Pferde tollen draußen auf den schneebedeckten Weiden, unbeeindruckt von der menschlichen Realität.

Überraschend ist noch heißes Wasser da. Der Solaranlage sei Dank, genug für ein Vollbad – wer weiß, wann das wieder möglich sein wird. Ideen für familiäre Notfallpläne werden geschmiedet. So muss es im Krieg gewesen sein. Die Lebensmittel reichen noch. Aber wie lange? Im Ort hat kein Geschäft geöffnet. Die Vorräte in der Kühltruhe werden nicht ewig genießbar sein. Unsere Hoffnung heißt Emsdetten – der Nachbarort, der verschont geblieben ist. Dort wird eingekauft. Campingkocher gab es schon morgens nicht mehr. Brennpaste ist noch da. Also dient als Kochstelle ein Fondue-Gestell. Der Kaffee ist lauwarm. Ohne Fernseher, Waschmaschine, DVD-Player und Radio – ein Alltag ohne „Ablenkung“, das ist schwere Arbeit.

Montagmorgen: Tag vier ohne Elektrizität hat begonnen. Schon fast Routine …

Die Autorin ist Redakteurin der „Münsterschen Zeitung“ – und war auch am Montag telefonisch nicht zu erreichen.

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