Letzter europäischer Raumfrachter : Im Himmel gibt es Käsespätzle

Ein europäischer Raumfrachter bringt zum letzten Mal Nachschub für Alexander Gerst und die Crew in der ISS. Darunter sind auch Käsespätzle für den Schwaben. Die Beteiligung der Deutschen an der ISS geht auf einen komplizierten Tauschhandel zurück.

von
Start in Kourou. Das „Automated Transfer Vehicle ATV-5 Georges Lemaitre“ hebt ab.
Start in Kourou. Das „Automated Transfer Vehicle ATV-5 Georges Lemaitre“ hebt ab.Foto: AFP

Berlin - Zum fünften und vorerst letzten Mal startete am frühen Mittwochmorgen ein europäisches Transportraumschiff zur Internationalen Raumstation ISS. Um 1:47 Uhr (MESZ) begann die Reise in der Spitze einer Ariane-Rakete vom Weltraumzentrum Kourou in Französisch Guayana. Am 12. August soll das Schiff an der Station festmachen.

An Bord befindet sich neben Treibstoff, Atemluft und neuen Experimenten auch das „Bonus Food“, das Wunschessen für die Crew. Alexander Gerst, aufgewachsen in Baden-Württemberg und seit zwei Monaten auf der Station, hat sich Käsespätzle, Linsen und Grießflammerie bestellt. Bevor er seine Leibspeisen 400 Kilometer über der Erde genießen kann, muss das Raumschiff an der ISS andocken.

Dank einer ausgeklügelten Steuerung geschieht das automatisch, weshalb die Schiffe auch als ATV (Automated Transfer Vehicle) bezeichnet werden. Den Anflug von ATV-5, benannt nach dem belgischen Astronomen Georges Lemaître, soll Gerst überwachen. Während die ISS mit rund 28 000 Kilometern pro Stunde um die Erde rast, darf sich das ATV nur sehr langsam der Kopplungsschleuse nähern, damit es keine Kollision gibt. Wenn Gerst auf dem Kontrollmonitor in der Station feststellt, dass die Geschwindigkeit oder der Anflugwinkel nicht passen, wird er einen roten „Stop“-Knopf drücken. Dann bremst das ATV, um einen neuen Versuch zu wagen. Bisher hat die automatische Kopplung aber zuverlässig funktioniert.

Die fünf ATVs, die die europäische Raumfahrtagentur Esa in den vergangenen Jahren für rund drei Milliarden Euro bauen ließ, sind zugleich eine Art Eintrittskarte Europas in die ISS. Dahinter steht ein Tauschhandel. Statt sich gegenseitig Schecks mit irrsinnig hohen Beträgen zu überreichen, verrechnen die an der ISS beteiligten Nationen ihre Dienstleistungen. Im Gegenzug für die Frachttransporte mit ATV wurden beispielsweise europäische Astronauten in den US-Spaceshuttles (bis zur Stilllegung der Flotte im Jahr 2011) oder russischen „Sojus“-Raumschiffen in den Orbit gebracht. Zudem darf Europa die Station zu acht Prozent nutzen. Damit ist nicht der Raum in den Modulen gemeint, sondern die Experimentierplätze und die Arbeitszeit der sechs Astronauten, die dauerhaft dort oben leben.

Insgesamt kostet der Betrieb der ISS im Jahr gut drei Milliarden Euro, wobei Russland keine Zahlen veröffentlicht und nur Schätzungen bekannt sind, sagt Freya Scheffler-Kayser vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Die Esa gibt 300 Millionen Euro im Jahr aus, Deutschland trägt davon derzeit 40 Prozent, wobei die Quote auf rund 50 Prozent steigen wird. Das wurde bei der letzten Esa-Ministerratskonferenz 2012 vereinbart. „Langfristig wollen wir wieder bei 40 Prozent ankommen“, sagt Scheffler-Kayser. Das gelingt nur, wenn andere Staaten mehr für die Station aufwenden. Doch gerade die finanzstarken Länder Frankreich und Italien drohen immer wieder, ihr Geld für die ISS zu kürzen, um andere Projekte durchzusetzen. Derzeit wird vor allem über eine neue Ariane-Rakete gestritten, wobei Deutschland und Frankreich unterschiedliche Konzepte favorisieren.

Bis Dezember muss eine Einigung her, dann werden die Esa-Schwerpunkte für die nächsten Jahre festgelegt – einschließlich des ISS-Engagements. Sollten dann nicht jene 300 Millionen Euro pro Jahr zusammenkommen, drohen herbe Einschnitte. Im schlimmsten Fall werde das europäische ISS-Programm nicht bis 2020 fortgeführt werden können, sagte der Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt, Thomas Reiter, der dpa.

Nach dem Ende der ATVs werden für die Versorgung der Station künftig allein amerikanische, russische und japanische Raumschiffe eingesetzt. Die Europäer „erkaufen“ sich ihren Zutritt, indem sie für die neue „Orion“-Kapsel der Nasa das Antriebsmodul liefern, das auch Technik des ATV enthält. Orion soll einmal Astronauten in Richtung Mond oder Mars tragen. Vielleicht auch Alexander Gerst. Dahinter steht folgende Rechnung: Wenn die Nasa mehrere Module für ihre Orions ordert, was wahrscheinlich ist, könnte im Gegenzug ein Europäer mitfliegen. Und wenn Deutschland weiterhin so viel Geld für die bemannte Raumfahrt Europas ausgibt, wäre Gerst ein heißer Kandidat. Aber selbst wenn die Rechnung aufgeht, würde Gerst frühestens in einigen Jahren starten.

Autor

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben