Libyen : Die Rettung kommt aus der Eiszeit

Ein gigantisches künstliches Fluss-System versorgt Libyens Bevölkerung mit Trinkwasser aus der Sahara.

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Plantage mit künstlich bewässerten Weinreben bei Tripolis.
Plantage mit künstlich bewässerten Weinreben bei Tripolis.Foto: Katharina Eglau

Leise brummt im „Kontrollraum Jabal Hasouna“ die Klimaanlage. Keinen Augenblick lassen die drei Techniker die große Monitorwand aus den Augen. 476 Wüstenbrunnen und 1277 Kilometer Pipeline am anderen Ende des Landes stehen unter ihrer elektronischen Regie. „Wenn sich jemand dort an einer Pumpstation zu schaffen macht, geht bei uns der Alarm hoch“, sagt Khalifa Muhammed al Talaf, Chef der Zentrale in Bin Ghashir vor den Toren der Hauptstadt Tripolis.

Sie ist ein Teilhirn des „Großen künstlichen Flusses“, dem wohl monumentalsten Bewässerungsprojekt des Globus. Seit 25 Jahren baut Libyen an seinem „achten Weltwunder“, in das bisher 20 Milliarden Euro geflossen sind und dessen Gesamtkosten bis 2030 auf gut 27 Milliarden Euro kalkuliert werden.

Das Prinzip ist einfach, die Idee reicht zurück bis in die sechziger Jahre, nachdem man 1953 bei der Suche nach Öl unvermutet auf Wasser gestoßen war: Aus riesigen fossilen Speichern unter der Sahara wird das kostbare Nass über riesige Entfernungen bis zur Küste gepumpt, wo die meisten der 6,5 Millionen Libyer leben. Mittlerweile gilt der bis zu 2000 Meter tiefe nubische Aquifer aus der letzten Eiszeit, der sich auch unter Ägypten, Tschad und dem Sudan erstreckt, als größtes unterirdisches Süßwasservorkommen der Erde. Mit seiner Menge ließe sich Deutschland gut 1000 Meter unter Wasser setzen. Die berühmten Höhlenmalereien im Gilf Kebir und Jabal Uweinat zeugen noch von den üppigen steinzeitlichen Landschaften, die in der Region einst existierten.

„Wir haben keinen einzigen Fluss. 95 Prozent unseres Territoriums sind Wüste“, sagt Agrarminister Abdelmagid El Gaood, der die Oberaufsicht über das Mammutprojekt hat. Als das Wasser an der Küste immer stärker nach Salz schmeckte und immer mehr Ackerflächen verdorrten, prüfte Libyen unter anderem, sauberes Trinkwasser per Tankschiff und Pipeline von Südeuropa herbeizuschaffen oder durch Meerwasserentsalzung zu gewinnen. Unter dem Strich jedoch erwies sich das gigantische Röhrensystem auf eigenem Boden als die billigste Lösung. Die Produktionskosten für einen Kubikmeter gibt der Minister heute mit knapp 25 Eurocent an, zehnmal weniger als durch eine ölbetriebene Meerwasserentsalzungsanlage.

Auf 4000 Kilometer angewachsen ist mittlerweile das Netz aus den vier Meter hohen Hauptrohren, durch die bequem ein Omnibus fahren könnte. Alle 75-Tonnen-Teile werden sieben Meter tief in den Wüstensand versenkt. Die erste Bauphase startete 1984 und versorgt seit 1991 die zentralen und östlichen Küstenregionen um die Städte Sirte und Benghazi. Die zweite Phase beliefert seit 1996 den Westen mit der Hauptstadt Tripolis. Ein dritter Strang von der berühmten Lehmstadt Ghadames zur Küste geht demnächst in Betrieb. Von 2013 an sollen dann alle 1149 Tiefbrunnen zusammen 2,4 Milliarden Kubikmeter pro Jahr produzieren – 28 Prozent gehen an die Haushalte, 70 Prozent an die Landwirtschaft.

Kontrollraum für den zweiten Hauptstrang des „großen künstlichen Flusses“.
Kontrollraum für den zweiten Hauptstrang des „großen künstlichen Flusses“.Foto: Katharina Eglau

„Das Projekt wird für unsere Generation den Mindestbedarf an Wasser decken“, bilanziert Agrarminister El Gaood. Die Einwände von westlichen Umweltschützern, Libyen treibe kurzsichtigen Raubbau an den unersetzbaren Vorräten und ignoriere die ökologischen Gefahren, lässt er nicht gelten. Nach eigenen Kalkulationen reicht die fossile Wassermenge mindestens noch 4000 bis 5000 Jahre. Die UN haben 2004 das Volumen allein für den nubischen Vier-Nationen-Aquifer auf 373 000 Milliarden Kubikmeter geschätzt, von dem bisher nur ein Bruchteil von einem tausendstel Prozent verbraucht worden ist.

Libyen will mit dem Sahara-Wasser aber auch 130 000 Hektar verdorrten Boden neu kultivieren – für den Anbau von Getreide, Trauben, Tomaten, Oliven, Mandeln und Pfirsichen. Schon heute deckt die Produktion in dem wieder ergrünten Küstengarten Eden die Hälfte des heimischen Bedarfs.

Jedes Mal kommt Ali Alagab, der Chef der Al-Hathra-Großfarm in der Region Benghazi, ins Schwärmen, wenn er über die Perspektiven des „großen künstlichen Flusses“ spricht. Der 47-Jährige hat in den USA studiert und an der „Colorado State University“ über Bewässerungstechnik promoviert. Die 45 vollautomatischen, 800 Meter breiten Ungetüme, mit denen er seine 10 000 Hektar Mais besprenkelt, ließ er aus Nebraska liefern. Feldarbeiter gibt es kaum noch, mit dem traditionellen Landleben hat Ali Alagabs chipgesteuerte Agrarwelt nicht mehr viel zu tun. „Viel Ackerland war schon fast verloren“, triumphiert er. „Jetzt trotzen wir es der Wüste wieder ab.“

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