Welt : Liebe, die nicht teilbar ist

Boygroups: Für fast jedes Mädchen ist was dabei. Und was bleibt den Jungen?

Joachim Huber

Deutschland sucht den Superstar. Behauptet jedenfalls RTL, und der private Fernsehsender hat Recht. Die dritte Ausgabe der Casting-Show läuft – selbst zur Überraschung des Senders – sehr gut. Das ist Vorführ-Fernsehen mit Menschen mit falschen Träumen, das ist nicht die angeblich ernsthafte Suche nach den raren und wahren Talenten. Die blühen immer dort, wo’s keiner glaubt. Beispielsweise im Osten. Der Osten ist der Superstar im deutschen Jahr 2005: Bundeskanzlerin Angela Merkel, SPD-Chef Matthias Platzeck, das sind die blühenden Landschaften für die Erwachsenen. Für die Jüngeren sind es „Tokio Hotel“: Eine vierköpfige Band aus Magdeburg, was viele erstaunt, weil sie immer dachten, dass es in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt nur einen sagenhaften, schrecklich alten Dom gibt. Der Legende nach ist „Tokio Hotel“ eine Band aus eigener Kraft und eigenem Können. Tom, der mit den Dreadlocks, Bill, der mit der scharfen Tolle und dem vielen Kajal um die Augen – das sind die Ansager; Zwillinge, die nicht nach Zwillingen aussehen. Dann Gustav und Georg, aber die zählen nicht so richtig. Zusammen sind sie „Tokio Hotel“. Was da nicht alles an Fantasie reingeht: Jungs und Rockband, vom Niemand zum Star, zwischen 16 und 18 Jahren jung. Die Fans, vornehmlich Mädchen, halten trennscharf zu Tom oder zu Bill. Eine Liebe, die nicht teilbar ist.

„Tokio Hotel“ ist zum Hassen da. „Durch den Monsun“, das Debütalbum „Schrei“, das sei allerschlimmste Heulsusen-Musik! Durch zahllose Weblogs rast die Debatte, ob Bill – der mit der Tolle – nicht ein verdammenswerter Schwuler oder so was sei. Das schreiben besonders Jungens, deren Freundin oder Angebetete den Bill so toll finden, und andere Jungens, die diesen Weicheier-Kram verachten und sich die knallharten Raps von Sido und Bushido und Kool Savas auf den MP3-Player laden. Wehe denen, die „Tokio Hotel“ cool finden. Dann setzt es Kabale und Hiebe. In den Blogs hauen die Onliner eine Menge an Sätzen raus, die sie ums Verrecken nicht auf den Schulblock schreiben würden. Die Zeit zum Bekenntnis ist gekommen.

Auf der anderen Seite des Mondes tobt der Wer-ist-süßer-Wettbewerb. „US 5“ kann für viele nur die Antwort lauten. Fünf deutsche und amerikanische Jungs bilden die Boygroup. Ausgewählt hat sie Lou Perlham, der Godfather aller Boygroups. Er sagt, „solange es Menschen gibt“, werde er Boybands erschaffen. Mit den „Backstreet Boys“, „N’Sync“ oder „O-Town“ hat er 65 Millionen Alben verkauft. Seine neuste Kreation „US 5“ – Chris, Izzy, Jay, Michael, Richie – ist so geschickt gecastet, dass die so hochfahrende wie vielfältige Fantasie von Mädchen den jeweils Süßesten unter den Süßen ausmachen kann. Bei einer Autogrammstunde von „US 5“ in einem Elektronikmarkt in Hamburg stürmten 3500 Kinder und Jugendliche auf die Absperrgitter zu. Es gab 150 Verletzte, nach drei Minuten beendete die Polizei die Veranstaltung.

Egal, wer „Tokio Hotel“ in Magdeburg gefunden oder „US 5“ erfunden hat – die Tonträgerindustrie und die Medien können ihr Glück gar nicht fassen. Zeitschriften wie „Bravo“, „Sugar“, „Popcorn“ oder „YAM!“, deren Auflagen nach dem überwundenen „DSDS“-Hype wieder scharf nach unten gingen, klettern wieder in gewinnbringende Höhen. Ein Titel ohne „Tokio Hotel“ und/oder „US 5“ geht gar nicht, purer Selbstmord. Die Käuferinnen wollen alles und eine zentrale Frage beantwortet wissen: Wer ist vergeben? Nach heutigem Stand keiner, weder Kajal-Bill von „Tokio Hotel“ aus Magdeburg noch der Chris, blond, blauäugig und aus Köln. Ja, die Ost-West-Karte lässt sich spielen.

Eine Show im deutschen Fernsehen ohne Band oder Boygroup, das geht gar nicht. „Tokio Hotel“ gewann die „Eins Live Krone“, bekam einen „Bambi“ in der ARD verliehen, „Tokio Hotel“ sollen zum RTL-Jahresrückblick mit Günther Jauch kommen – wenn sie sich bis dahin von der Grippe erholen, die sie sich offenbar in Berlin eingefangen haben: Die Konzerte gestern und heute in Hamburg und Köln mussten abgesagt werden. Zu „Wetten, dass ..?“ kommt „Tokio Hotel“ auch nicht, da kommen „Wir sind Helden“ (?), egal, Robbie Williams kommt! „US 5“, das müssen sich auch die treuesten Fans eingestehen, kann „Tokio Hotel“ das Wasser nicht reichen. Chris und der Rest dürfen zwar beim „Jahresrückblick“ einrücken – aber bei dem von RTL 2.

Wenn RTL die Sache mit dem „Superstar“ clever aussteuert, dann kann nur ein Mädchen oder eine junge Frau von Dieter Bohlen akzeptiert werden. Mit „Tokio Hotel“ und „US 5“ sind die Jungens nicht zu gewinnen, aber mit einer wie Jeanette Biedermann könnte was gehen. Zumal die Jeanette mit ihrem Imagewechsel für böse Irritationen gesorgt hat.

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