Liebeslieder : Damit sie ewig währt

Was die Geschichte der Liebeslieder über unser Liebesleben sagt - eine Studie.

Eva Kalwa

Früher war Liebe einfach und schön: Männer durften sich ohne Wenn und Aber akzeptiert fühlen, Frauen waren engelsgleiche Wesen ohne jeden Makel. Es gab keinen Liebeskummer, die Liebe währte ewiglich. Das Leben mit dem geliebten Partner war ein einziges großes Freudenfest. Heute sprechen die Herzen eine andere Sprache: Der Verliebte tut sich schwer, seine Gefühle zu gestehen und zu zeigen. Er ist unsicher, ob der geliebte Mensch seine Empfindungen erwidert. Man betrügt oder verlässt sich sogar. Wenn jedoch der eine Partner endlich gefunden ist, dann verspricht die Liebe in unserer Zeit andauernde Sicherheit, Kraft, Geborgenheit und verlässlichen Schutz vor allen Widrigkeiten des Lebens. So unterschiedlich zumindest beschreiben deutschsprachige Liebeslieder aus den zwei Zeiträumen von 1967 bis 1970 und 2001 bis 2005 das höchste der Gefühle.

Spiegeln sie als Teil der populären Kultur tatsächlich gesellschaftliche Realität oder sind sie vielmehr Ausdruck von Bedürfnissen, für das, was an emotionalen Entfaltungsmöglichkeiten fehlt? „Das kann man zurzeit nicht eindeutig beantworten und müsste unter anderem durch Umfragen näher untersucht werden. Denkbar ist beides“, sagt die Oldenburger Psychologin Carmen Wulf, die gerade ihre Dissertation über den historischen Wandel von Liebesvorstellungen in populären Liebesliedern veröffentlicht hat. Die 33-Jährige hat 76 alte und 93 neue in den deutschen Hitlisten platzierte Lieder analysiert, darunter alte Stücke von Peter Alexander, Roy Black, Vicky Leandros, Gitte & Rex sowie neuere von Herbert Grönemeyer, Rosenstolz, den Ärzten, Wir sind Helden und Tokio Hotel.

Einer der auffälligsten Unterschiede ist das Fehlen der Liebeskummer-Thematik in den alten Chart-Hits. Die findet sich dafür weit verbreitet in den späteren Texten. Tief verletzt sang 2001 Kim Frank von der Gruppe Echt „Alles macht traurig und nichts davon Sinn“, und 2005 ist es in „Delmenhorst“ bei Element of Crime erst „schön, wenn’s nicht mehr weh tut“. Wenn es denn bei aller Selbstbespiegelung überhaupt zur Liebe kommt: „Aurélie so klappt das nie / Du erwartest viel zu viel / Die Deutschen flirten sehr subtil“, heißt es bei Wir sind Helden. Bedeutet dies, dass Ende der 60er Jahre die Liebe in Deutschland einfach vom Himmel fiel und ewig währte? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass die Möglichkeit des Scheiterns von Beziehungen vor 40 Jahren noch nicht akzeptierter Teil des Lebens war. Denn die Medien der populären Kultur beschreiben Wunschvorstellungen und vor allem Ideale. Das gilt auch für die Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. „Es fällt auf, dass in sehr vielen neuen Liedern die glückliche Liebe mit Gefühlen der Sicherheit und Geborgenheit in Verbindung gebracht wird“, meint Wulf.

„Eine sichere Prognose, das Prinzip Hoffnung“ nennt Herbert Grönemeyer 2003 dieses dauerhaft gewünschte Glück der Zweisamkeit, und 2005 rappen die Hip-Hopper von Die Firma: „Ich hab die Frau fürs Leben, die eine, mit der ich alles überlebe“. Diese Tendenz korrespondiere stark mit demoskopischen Untersuchungen, die eine zunehmende emotionale und soziale Unsicherheit und Orientierungslosigkeit beschrieben, sagt Wulf. Eine stabile Partnerschaft scheine in Zeiten von Vereinzelung und Strukturlosigkeit oftmals als einziger Anker erlebt zu werden. Sie ist der sichere Hort, der dem Liebenden erst die Kraft gibt, sein Leben zu gestalten. Liebe wird damit zu einer Art privater Religion erhöht und von Erlösungswünschen begleitet. Jedoch: Je höher die Anforderungen an die Partnerschaft werden, umso mehr wächst auch die Gefahr des Scheiterns der Beziehung.

Womit sich wiederum die vielen neueren Texte über Liebeskummer erklären ließen. Das Konzept der „emotionalen Coolness“, das der US-Historiker Peter Stearns als sich immer weiter verbreitendes, stark affektkontrolliertes Persönlichkeitsmerkmal beobachtet, konnte Wulf in ihrer Untersuchung jedoch nicht bestätigt finden: Die neuen Liedtexte sprechen intensiver, komplexer und länger von der Liebe als es die alten Stücke tun. Vielleicht wissen wir irgendwann eines Tages ein wenig besser, warum wir lieben, wie wir lieben – und wen. Bis dahin müssen wir uns dem Schriftsteller Tom Robbins anschließen, der 1980 als Antwort auf Albert Camus schrieb: „Es gibt nur eine ernste Frage. Und die lautet: Wer kann machen, dass die Liebe bleibt?“

Carmen Wulf, Historischer Wandel von Liebesvorstellungen. Theoretische Aspekte emotionalen Wandels und empirische Untersuchung des Wandels von Liebesauffassungen in populären Liebesliedern. Verlag Dr. Kovac, Hamburg, 98 Euro

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