Welt : Ließen Bahn-Erpresser den Zug entgleisen?

KLEIN BÜNZOW / FRANKFURT (MAIN) (AP/ADN).Die Deutsche Bahn AG wird von unbekannten Tätern um zehn Millionen DM erpreßt.Wie die Bahn-Sprecher Reiner Latsch und Stephan Heimbach am Freitag vor Journalisten in Frankfurt (Main) mitteilten, sind bei der Bahn mittlerweile vier Erpresserschreiben von einer Gruppe eingegangen, die sich "Freunde der Eisenbahn" nennt.Zwischen den Schreiben und dem Anschlag auf die Bahnstrecke Berlin-Stralsund, der am Freitag morgen einen Güterzug entgleisen ließ, bestehe möglicherweise ein Zusammenhang.

Das erste der vier Schreiben ist den Angaben zufolge vor etwa drei Wochen an die Bahn gegangen.Bahn-Vorstand Peter Reinhardt forderte die Täter auf, sich über die bekannten Telefonnummern mit der Bahn in Verbindung zu setzen.Bislang bereite die Kontaktaufnahme zu Tätern Schwierigkeiten, wie Heimbach betonte.Die Bahn habe Kontaktangebote gemacht.Es sei aber nicht klar, ob die Antworten auf die Erpresserschreiben die Täter überhaupt erreicht hätten.

Die Bahn schloß auch einen Zusammenhang zwischen dem neuen Anschlag und ähnlichen Vorfällen in den vergangenen Tagen nicht aus.Zuletzt waren am achten Dezember Schrauben am Gleis bei Uchtspringe in Sachsen-Anhalt und am 16.Dezember nahe der brandenburgischen Gemeinde Wilmersdorf gelockert worden.Den Bahn-Sprechern zufolge ist für das Lockern der Schrauben spezielles Werkzeug notwendig.Bei den Tätern könne es sich daher um einen ehemaligen Mitarbeiter oder auch "Fans" der Bahn handeln, sagte Heimbach.

Die Ermittlungen zu den Vorfällen wurden mittlerweile vom Bundeskriminalamt (BKA) übernommen.Laut BKA-Sprecher Peter Hauk ist die Gruppe bislang nicht in Erscheinung getreten.Bahn-Sprecher Latsch sagte, die Bahn habe verstärkte Präventionsmaßnahmen getroffen.Nähere Angaben wollte er aus Sicherheitsgründen nicht machen.

Der am Freitag morgen bei Klein Bünzow in Mecklenburg-Vorpommern entgleiste Güterzug kam aus Schweden.Die Staatsanwaltschaft Stralsund ermittelt wegen des Verdachts eines Anschlages.Der Schaden liegt nach ersten Einschätzungen in Millionenhöhe.Verletzt wurde niemand.

Auf die Bahnstrecke war bereits am Mittwoch in Brandenburg ein Anschlag verübt worden.Nach Bahnangaben sprangen zehn der 16 mit Papierrollen beladen Waggons aus den Schienen.Sie verkeilten sich teilweise ineinander.Die Schienen wurden verbogen.Die Gleise wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft vermutlich manipuliert."Dafür gibt es nach den ersten Untersuchungen Anhaltspunkte", sagte Oberstaatsanwalt Dirk Schneider-Brinkert.Unbestätigten Berichten zufolge sollen Schrauben aus den Gleisen herausgedreht worden sein.Ob es fahrlässig oder vorsätzlich geschehen sei, stehe noch nicht fest.In jüngster Zeit habe es jedoch keine Gleisarbeiten an der Stelle gegeben, hieß es bei der Staatsanwaltschaft.

Erst am Mittwoch waren im Bereich des Bahnhofs Wilmersdorf bei Angermünde in der brandenburgischen Uckermark rund 30 Schrauben, Muttern und Klemmen einer Weiche gelöst oder entfernt worden.Diese Eisenteile waren dann unter die Schienen geschoben worden, so daß eine Schiene um 1,5 Zentimeter angehoben wurde.

Bahnarbeiter hatten den Schaden bei einer Routinekontrolle bemerkt.Bis Donnerstag gab es noch keinen Hinweis auf die Täter.

Die Strecke bei Klein Bünzow war noch bis zum Nachmittag in beide Richtungen gesperrt.Es wurde ein Busersatzverkehr eingerichtet.Die Verspätungen im Regional- und Fernverkehr betrügen durchschnittlich 40 Minuten, erklärte die Bahn.Der internationale Reiseverkehr nach Schweden wird über Neustrelitz und Neubrandenburg umgeleitet.Nach Angaben des Staatsanwaltes könnte die Strecke bereits am späten Samstag nachmittag wieder eingleisig befahrbar sein.

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