Welt : Lila Versuchung

Milka will die Zugspitze in der Firmenfarbe erstrahlen lassen – kann das der Freistaat etwa zulassen?

Mirko Weber[München]

Neulich haben die Leute in Cham im Bayerischen Wald gedacht, dass sie ein Pferd tritt: Weil sie einen Elch gesehen hatten. Der Elch kam aus Tschechien. Das zuständige Landratsamt hat die Vermutung mitteilen lassen, der Elch sei wohl ursprünglich von Skandinavien aus und dann via Baltikum und Polen ins Oberpfälzische gelaufen. Um zu verdeutlichen, dass auch hier zu Lande nicht ansässige Tiere grundsätzlich im Bayerischen willkommen sind, hat der Elch einen Namen erhalten, „Chamera“. Bayern hat ein Herz für Tiere.

Aber nicht für alle. Wenn sie lila sind zum Beispiel, dann gehen die Meinungen schon einmal auseinander. Natürlich sind Kühe von Natur aus nicht lila, aber man kann das ja trotzdem behaupten, und die Firma Kraft mit ihrer Milka-Schokolade lebt nicht schlecht davon, dass sie eben dies tut. Die schönsten Kühe hätten just diese Farbe. Sagen sie bei Milka.

Sofern man nun aber in Garmisch oder in Partenkirchen wohnt oder im näheren Umkreis, wird man am 23. Juli kurz vor Einbruch der Dämmerung zumindest optisch sein tiefblaurotes Wunder erleben, weil dann nämlich die momentan gewaltig verschneite Zugspitze auf einmal zu glühen und zu leuchten anfängt wie ein einziges Enzianfeld, angestrahlt von 140 Scheinwerfern mit lila Licht.

Der Regisseur hat die olympische Eröffnungsfeier in Sydney geleitet und beleuchtet auch die Rolling Stones. Und während Deutschlands höchster Berg unnatürlich farbig vor sich hin strahlt, spielen im Olympia-Skistadion Joe Cocker, Chris Rea und wahrscheinlich noch Lionel Richie. Der Veranstalter rechnet mit 25000 Zuschauern.

Der bayerische Landtag sieht die Veranstaltung gar nicht gern. In seltsamer Eintracht verurteilten die Fraktionen von CSU, SPD und Grünen das von Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) mitgetragene Event als „Blödsinn“. Sittenwidrig sei die Angelegenheit zwar nicht, befanden sie bei der CSU, warnten aber nachdrücklich vor dem kulturellen Verfall im Land, wo die werbegeschädigten Stadtkinder eh schon glauben, dass alle Kühe lila seien.

Schnappaufs Deal mit der Werbeindustrie ist indes nicht so blauäugig gewesen, wie es zunächst den Anschein gehabt hat, verlangt doch der Minister einen Erlös zwischen einer halben und einer Million Euro von dem Spektakel, das unter anderem von ARD, Pro 7, SAT 1 und „TV-Movie“ gesponsert wird. Das Geld der Aktion „Der Berg ruft“ soll unter anderem für die Renaturierung des Murnauer Mooses und für Naturschutzaktionen im Werdenfelser Land und im Nationalpark Berchtesgaden eingesetzt werden. Vorsitzender des zuständigen Fonds ist Schnappauf selber.

Die Beanstandungen der Parlamentarier, die sich, was die Grünen betrifft, vor allem Sorgen um Nachtfalter und Insekten machen, welche „kübelweise“ in Scheinwerfern verglühen würden, konnte Schnappauf links und rechts liegen lassen. Zuständig für die Genehmigung ist nicht der bayerische Landtag, obwohl die Zugspitze dem Freistaat gehört, sondern das Landratsamt in Garmisch. Dort zählt jeder einzelne Tourist. Vor allem in diesem Sommer, in dem es jetzt gerade anfing zu schneien.

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