Literaturnobelpreis : Und wieder kein Amerikaner?

Seit der schwedische Jury-Chef Horace Engdahl die US-Literatur als zweitklassig, isoliert und vom Massengeschmack abhängig attackiert hat, schießen die Spekulationen ins Kraut. Wer wird den Literaturnobelpreis bekommen? Eine Europäerin? Ein Amerikaner? Wetten laufen auf Amos Oz.

Seit der schwedische Jury-Chef Horace Engdahl vergangene Woche die US-Literatur in Bausch und Bogen als zweitklassig, isoliert und vom Massengeschmack abhängig attackiert hat, schießen die Spekulationen ins Kraut. Wer wird den Literaturnobelpreis bekommen? Eine Europäerin? Ein Amerikaner?

Spannung bis zuletzt. Am heutigen Donnerstag um 13 Uhr wird die Entscheidung durch die Schwedische Akademie verkündet. Es sind gerade die Debatten im Vorfeld, die den Literaturnobelpreis spannender machen als alle anderen Nobelpreise. Wenn es um Literatur geht, lässt sich gut streiten, wer den Preis verdient hätte, wer immer benachteiligt wird, wer überfällig ist. Am Ende ist es dann vielleicht ein Mongole, den in der Mongolei kaum jemand kennt.

Als aussichtsreiche Anwärterin wird jetzt überraschend auch die Berliner Autorin Herta Müller genannt. An sie könnte Engdahl gedacht haben, als er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP Europa zum „literarischen Zentrum der Welt“ erklärte. Während Literaturfreunde in aller Welt den Kopf über derlei summarische und päpstlich klingende Urteile kurz vor der Entscheidung schüttelten, bissen die Nobel-Spekulanten begeistert an: Hat Engdahl am Ende nur geblufft und die Akademie in Wirklichkeit längst einen US-Namen wie Don DeLillo, Thomas Pynchon, John Ashbery oder Philip Roth ausgewählt? Die Statistik spricht eher dafür, dass Engdahl genau meinte, was er da an seltsamen Zensuren für die Kontinente verteilt hat. Seit seinem Amtsantritt 1999 ging der begehrteste Literaturpreis der Welt siebenmal an Europäer und nur zweimal an andere. Im vergangenen Jahr erhielt die Britin Doris Lessing (88) den Zuschlag, konnte sich aber altersbedingt weder das Diplom noch die Dotierung von einer Million Euro bei König Carl XVI. Gustaf abholen. Sollte bei der nächsten feierlichen Verleihung am 10. Dezember tatsächlich erneut ein europäischer Name aufgerufen werden, gelten der Italiener Claudio Magris (69) und der portugiesische Dauerfavorit António Lobo Antunes (66) als Spitzenduo im Favoritenfeld.

Außenseiter, die man nicht übersehen sollte, obwohl sie weder Europäer noch Amerikaner sind, sind in diesem Jahr der syrisch-libanesische Lyriker Adonis (78) und sein Kollege Ko Un (75) aus Südkorea. „Die Akademie wählt am liebsten einen Europäer“, schrieb die Stockholmer Zeitung „Dagens Nyheter“ am Mittwoch. Die Zocker glauben nicht, dass Engdahl mit seiner Schelte über den Atlantik geblufft hat. Beim Wettbüro Ladbrokes lagen am Mittwoch mit Claudio Magris, Adonis und dem Israeli Amos Oz (69) drei Nicht-Amerikaner vorn auf den Tipplisten. Erst auf den Plätzen vier bis sechs folgen mit Joyce Carol Oates (70) und Roth sowie DeLillo drei US-Romanciers. Tsp/dpa

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