Welt : Lizzie Grubmann: Jahrmarkt der Eitelkeiten

Andreas Oswald

Warum sind alle Leute in Manhattan so gut gelaunt? Partys, private Essen und Barbesuche können derzeit gar nicht schiefgehen. Manhattan hat ein Thema, oder genauer: ein Opfer. Jemand, über den alle nach Herzenslust herziehen können ohne dass jemand widerspricht.

Lizzie Grubman, 30 Jahre alt, eine Tochter aus wohlhabendem Hause, war zwei Jahre lang eine der mächtigsten Frauen der New Yorker Society. Sie war PR-Vertreterin für Stars wie Britney Spears und Sean Combs und vor allem: Sie organisierte die wichtigsten Partys der Stadt, auf denen die meisten Prominenten zu sehen waren, und zu denen jeder Eintritt begehrte. Gar mancher Promi aus der zweiten Reihe blieb außen vor und mancher Publizist und manche der bekanntesten Kolumnistinnen der Stadt hatten das Nachsehen, wenn es darum ging, bei einem wichtigen Ereignis dabeizusein.

Lizzie Grubman bestimmte, wer eingeladen wurde, und selbst wer eine Einladung hatte, konnte bei ihr nicht sicher sein, dass er auch wirklich reinkam. Gar mancher wurde am Eingang, wo sie alle Gäste als erstes empfing, persönlich der Tür verwiesen.

Tom Wolfe hat in den 80ern seinen berühmten Bestseller "Jahrmarkt der Eitelkeiten" geschrieben. Dieser Jahrmarkt ist geblieben, aber zu den Protagonisten gehören keine Banker mehr, die sind zu langweilig. Die wichtigsten Protagonisten sind Leute aus der schillernden Medienwelt New Yorks, von deren Interna nicht zuletzt das auflagenstarke "New York Magazine" lebt. Dieses Magazin widmete Lizzie Grubman einmal eine Titelgeschichte, in der sie als "mächtigste Frau des New Yorker Nachtlebens" portraitiert wurde.

Niemand wagte es, in Partygesprächen schlecht über diese Frau zu sprechen, ihre Macht machte sie unangreifbar. Und sie hielt sich wohl auch selbst für unverletzlich. Wenn sie mit ihrem Jaguar oder Mercedes zu ihrem Delikatessen-Supermarkt fuhr, hielt sie immer direkt vor dem Eingang - auf dem Parkplatz, der für die Behinderten reserviert war. Niemals hat ein Angestellter es gewagt, sie darauf hinzuweisen.

Das hat sich jetzt geändert. Jetzt deutet jeder auf sie. Redet über ihre Nase, ihre Kleider, ihren merkwürdigen Namen.

Lizzi Grubman ist zu weit gegangen. Vorletztes Wochenende fuhr sie im 100 Meilen entfernten Southampton - der Sommerresidenz der reichen New Yorker - mit ihrem Mercedes in eine Menschenschlange, die vor dem absoluten In-Club, dem "Conscious Point Inn", auf Einlass wartete. 16 Menschen wurden verletzt.

Vielleicht war es ein Unglück. So stellen es ihre Anwälte dar.

Vielleicht war es Absicht. Bevor Lizzie Grubman mit ihrem Mercedes in die Partycrowd der Schönen und Reichen fuhr, hatte sie ihren Wagen genau vor dem Club geparkt, in einem kleinen Areal, das erkennbar als Feuerwehrzufahrt ausgewiesen war. Sie kannte den Ort. Sie organisiert die Partys des Clubs. Ein Türsteher ging zu ihr und machte sie freundlich darauf aufmerksam, dass sie nicht in der Feuerwehrzufahrt stehen bleiben könne. Vor zahlreichen Zeugen schrie sie den Türsteher an: "Fuck you, white trash". Es handelt sich bei diesem Ausruf um eine Beleidigung, die von Ungeübten nur schwer gesteigert werden kann. "White Trash" ist ein Ausdruck, mit dem unter anderen bessergestellte Liberale grobschlächtige Männer aus der Arbeiterklasse bezeichnen.

Anschließend fuhr Lizzie Grubman in die Menge. Sie entzog sich der Polizei, es gelang ihr zu verhindern, dass Fahnder rechtzeitig ihrer habhaft werden konnten, um sie auf Alkohol oder Drogen zu testen.

Jetzt rächt sich die Welt an ihr. Der zuständige Staatsanwalt steht vor der Wiederwahl und braucht einen publicity-trächtigen Fall. Die Jury wird aus den weniger gut betuchten Bewohnern des wenig glamurösen Nachbarortes Riverhead zusammengesetzt, jenen Menschen, die sich am meisten über die Wochenend-Invasion der jungen, reichen und schönen Manhattenites ärgern. Wegen mehrfacher Körperverletzung in Verbindung mit Rücksichtslosigkeit drohen ihr 25 Jahre Gefängnis.

Und dann die verletzten Opfer. Das sind alles junge und reiche Leute aus Manhattan, die entweder sehr gute Anwälte haben, oder sehr gute Anwälte sind. Sie alle werden in privaten Schadenersatzklagen Lizzie Grubman auf viele Millionen Dollar verklagen.

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum so viele Menschen "glückliche Gesichter" haben, wie die "New York Times" feststellte. Es ist "the Schadenfreude". Die Medienleute ziehen jetzt über Lizzie her, protokollieren genüsslich ihren Niedergang und drucken die unvorteilhaftesten Fotos von ihr. Viele von denen, die da schreiben, hatten nie eine Chance gehabt, auf ihre Einladungslisten zu kommen.

Aber woher rührt dieser Hass? Das "Time Magazine" zitiert einen 20-jährigen Bewohner Southamptons, Steven Gaines, der ein Buch über die dortige Gesellschaft geschrieben hat. Jeder hier habe Tonnen von Geld, sagt er. Und jeder wolle demonstrieren, dass er wichtiger sei, als der andere - ein brutaler Wettlauf. Die Eitelkeit nimmt groteske Formen an. Eine Restaurant-Betreiberin habe sich einmal bei einem Gast entschuldigt, dass er zehn Minuten warten musste. Dieser habe geantwortet: "Vielleicht sind es zehn Minuten auf Ihrer billigen amerikanischen Uhr, aber es sind 20 Minuten auf meiner."

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