Welt : Löwin? Puma? Hauskatze?

Pfaffroda ist ein Ort im Erzgebirge. Auch dort wird jetzt nach einem wilden Tier gefahndet

Matthias Schlegel

Ist es eine Löwin, ein Puma oder doch nur eine Hauskatze mit XXL-Maßen? Seit in der Erzgebirgsgemeinde Pfaffroda das undefinierbare Tier aufgetaucht ist, sind es nicht mehr vorrangig die zauberhafte Umgebung des 3100-Seelen-Ortes und die Silbermannorgel in der Kirche oben im Schloss, die Besucher hierher locken. Es ist das „Viech“, wie es der Erzgebirgler in seinem Dialekt auszudrücken pflegt.

Nach einem Spiel des einheimischen Fußballvereins SV 90 am vorvergangenen Sonntag, mit dem die wackeren Mannen den Aufstieg in die Kreisliga besiegelten, war es aufgetaucht. Mindestens 30 Leute wollen es gesehen haben: Majestätisch stolzierte das katzenähnliche, aber nach Augenzeugenberichten deutlich größere Tier über die an den Sportplatz grenzende Weide. Als eine Löwin beschrieben es an Brehms Tierwelt geschulte Laien, als vollgefressenen Kater bezeichneten es Spötter. Ein Großeinsatz der Polizei mit 20 Leuten, einem Hubschrauber und einer Wärmebildkamera, auch die Pirsch einer Jägergruppe samt Jagdhund brachten zwar keinen Aufschluss über das Phänomen, der Gemeinde aber ungewohnte Popularität weit über den Mittelerzgebirgskreis hinaus.

Nachdem ein Lokalzeitungsfotograf den Abdruck einer Tatze abgelichtet und veröffentlicht hatte, wurde die These, es sei eine Löwin, von Experten angefochten. Neue Nahrung erhielt die Diskussion unter den Fachleuten, als es dem Pfaffrodaer René Uhlig gelungen war, das seltsame Tier mit seiner Videokamera aufzunehmen. Der MDR zeigte die Sequenz, und wieder stritt die Fachwelt: Der Direktor des Chemnitzer Tierparks Hermann Will wollte eine „relativ große Hauskatze“ erkannt haben. Auch der einheimische Amtstierarzt Steffen Mehl ist dieser Ansicht. Dagegen erinnert das Wesen den Leipziger Zootierarzt Klaus Eulenberger eher an einen Puma. Er sei offenbar an Menschen gewöhnt, da er sich so nahe an den Ort herantraue. Andere widersprechen dieser Theorie: Wenn es ein Puma wäre, hätte er sicherlich schon Hühner oder Kaninchen gerissen.

Unterdessen schießen die Spekulationen über die Herkunft des Viechs ins Kraut. Ein fahrlässiger Tierfreund habe es in die Freiheit entlassen, nachdem es ihm sozusagen über den Kopf gewachsen war, sagen die einen. Es stamme von jenseits der nur zehn Kilometer entfernten Grenze zu Tschechien und sei einem böhmischen Zuhälter entwichen. Bordellbesitzer schützten sich dort mit solchen Furcht einflößenden Wildtieren vor wild gewordenen Freiern, lautete eine andere, gewagtere These. Dass die Großkatze aus dem kleinen Zirkus ausgebüxt sein könnte, der kürzlich im benachbarten Olbernhau gastierte, konnte ausgeschlossen werden. Auch umliegende Tierparks vermissten keine Tiere.

Inzwischen scheint der animalische Medienstar die Kreisgrenzen überschritten zu haben. Das Landratsamt des nahe Pfaffroda angrenzenden Kreises Freiberg meldete am Wochenende, dass das Tier im südöstlichen Teil des Landkreises gesichtet worden sei. Es sei nicht auszuschließen, dass es sich um eine größere Wildkatze handle. Vorsorglich wird vor eigenmächtigen Versuchen gewarnt, das Phantom zu jagen. Der Hinweis zeugt von Weitsicht: Würde das Viech erlegt, könnte es womöglich schnell auch wieder vorbei sein mit der kostenlosen PR für eine der zwar schönsten, aber wirtschaftlich schwächsten Regionen Sachsens.

Videosequenz:

www.mdr.de/

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