Loki Schmidt : Der Traum von der Biologie

Zum 90. Geburtstag braucht Loki Schmidt keine Blumen. Die Frau des Altkanzlers Helmut Schmidt hat schließlich selbst welche entdeckt.

Andrea Dernbach
Loki Schmidt
Neunzig Jahre und kein bisschen greise: „Kanzlergattin“ war die sicher unspektakulärste Rolle Loki Schmidts.-Foto:dpa

Eine Neunzigjährige, die seit 67 Jahren mit demselben Mann verheiratet ist, die berufstätige Mutter zu Zeiten war, als dies noch nicht zur deutschen Leitkultur zählte, dazu eine späte Karriere als Botanikerin: Es gäbe über Hannelore „Loki“ Schmidt, geborene Glaser, durchaus ein dickes Buch zu schreiben. Und es liegt ausschließlich am Unterschied zwischen Kanzler und Kanzlergattin, dass es über ihn, Helmut Schmidt, gleich mehrere Lebensbeschreibungen gibt, und dass sie in den Buchhandlungen mindestens einen halben Regalmeter über jenem schmalen Band stehen, in dem Hannelore Schmidt im Gespräch mit dem Fernsehmoderator Reinhold Beckmann Auskunft über ein langes, bewegtes Leben gibt.

Das dürfte ihr ziemlich schnuppe sein. Auf die Frage, was sie sein möchte, antwortete sie einmal „was ich bin“ und auf Schmidt-Biografen, die ihre Rolle auf die der Schnittchenbereiterin für Staatsgäste im zeitweise berühmtesten Eigenheim Westdeutschlands in Hamburg-Langenhorn zurechtstutzen wollten, reagiert sie mit einem Schulterzucken. Und erwähnt nur eben, dass sie es war, die die junge Familie als Lehrerin durchbrachte, als Helmut 1945 aus dem Krieg zurückkam und studierte. Und die auch dann noch jeden Tag in die Schule ging, als der Gatte Senator in Hamburg, Bundestagsabgeordneter und SPD-Fraktionschef wurde: „Ich bin kein Heimchen am Herd.“ Erst 1969, da wurde Helmut Schmidt Verteidigungsminister, gab sie den Beruf auf, dem sie dreißig Jahre später, mitten in der Pisa-Debatte mit dem Buch „Mein Leben für die Schule“ eine Liebeserklärung machte – ein Bekenntnis zur Ohrfeige inklusive. Die sei immer noch besser als Kinder mit Worten „runterzumachen“.

Liebeserklärungen an den Mann, mit dem sie sich als Zehnjährige anfreundete, weil man mit ihm so schön zanken konnte, und mit dem sie seit bald sieben Jahrzehnten verheiratet ist, wird man von der Hanseatin schwerlich hören, jedenfalls keine öffentlichen. Wenn, dann macht sie sie indirekt.  Es habe eigentlich nur einen einzigen richtigen Streit zwischen ihnen gegeben, „dessen Ursache wir kurioserweise beide vergessen haben“, erzählte sie einer Zeit-Journalistin. Dabei habe sie einen nassen Waschlappen nach ihm geworfen: „Es war vor der Währungsreform, ich konnte es mir nicht leisten, etwas Festes zu werfen, das hätte zerbrechen können.“ Beide seien sie überzeugt gewesen, dass man es immer wieder miteinander versuchen muss: „Warum all die Zeit verschwenden für einen Neuen, mit dem es bestenfalls wieder das Gleiche wird?“ Ein weiteres Rezept von Loki für eine lange Ehe: getrennte Betten.

Kennengelernt haben sich Loki und Helmut Schmidt 1929 an der Hamburger Lichtwarkschule, einer musisch-künstlerisch ausgerichteten Reformschule ohne Geschlechtertrennung, wo der Unterricht auch mal im Freien stattfand. Sie war die Längste der Klasse, er der Kleinste. Anders als der Lehrerssohn Schmidt war Loki, die Arbeitertochter, Not gewöhnt: der Vater war zeitweise arbeitslos, die Mutter hielt die Familie als Näherin über Wasser, und es kam vor, dass Loki, ihr Bruder und ihre Schwester hungrig zu Bett gingen. Schon als kleines Mädchen hatte Loki – auch in Ermangelung anderer Literatur im Hause Glaser – das Pflanzenlexikon der Eltern verschlungen, doch fürs Biologiestudium fehlte das Geld. Sie wurde Lehrerin, denn in Pädagogik wurde keine Semester-, sondern nur eine Einschreibegebühr verlangt.

Den Traum von der Biologie hat sie sich später erfüllt. 1976 gründete Loki Schmidt das „Kuratorium zum Schutz gefährdeter Pflanzen“. Nach dem Ende der Kanzlerschaft ihres Mannes 1982 unternahm sie Forschungsreisen mit jungen Wissenschaftlern, brachte einen Bildband über Deutschlands botanische Gärten heraus und schrieb unter anderem über das Verhalten tropischer Eisvögel in Ostafrika.Vor zehn Jahren wurde die inzwischen renommierte Botanikerin zur Professorin ernannt.

Blumen braucht sie eigentlich nicht zum heutigen 90. Geburtstag. Sie hat genug eigene. Sechs sind nach ihr benannt, wobei sie auf eine besonders stolz ist: Sie hat sie in Mexiko schließlich selbst entdeckt, jene Bromelie, die heute „Pitcairnia loki-schmidtiae“ heißt.

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