London : "Mind the Gap" - wie eine Witwe die Stimme ihres Mannes wieder hörte

Die Witwe Margaret McCollum erzählt, wie sie um die Stimme ihres verstorbenen Mannes Oswald Laurence in Londons U-Bahn kämpfte.

Johanna Kamradt
Im Untergrund eine Stimme.
Im Untergrund eine Stimme.Foto: REUTERS

London - Als Londoner hört man mehrere Varianten, wenn man in der „Tube“, der U-Bahn, fährt. Eine Dame, die einen vorsichtig bittet, die Lücke zu beachten, einen Herren, der sich anhört, als würde er freundlich schmunzeln, während er einen darauf aufmerksam macht, vorsichtig ein- und auszusteigen. „Mind the gap“ – gelegentlich sieht man schon mal, wie jemand dort sein Handy für immer verliert oder gar ein Schuh stecken bleibt.

Zuerst war Oswald Laurences Aufzeichnung in den 60er Jahren zu hören. „Mr. Gap“ nannten sie ihn damals. Seitdem haben ihn Millionen sprechen gehört, manche tagtäglich, ohne sich Weiteres dabei zu denken. Es kennen jedoch nur wenige Londoner den Mann, der hinter der Stimme steckt. Dies alles änderte sich vor kurzem, dank seiner Witwe.

Oswald Laurence, 1921 geboren, war ein (nicht besonders erfolgreicher) Schauspieler aus dem Londoner Bezirk Golders Green. Schon mit 17 Jahren trat er der Royal Academy of Dramatic Art bei und spielte in Film und Fernsehen neben Schauspielern wie Roger Moore. 2007 starb er. Seine Witwe, die 65-jährige Dr. Margaret McCollum, fuhr nach seinem Tod noch oft zu einer der Stationen, die seine Tonbandaufzeichnung spielte: Embankment, in der Nähe der Themse, knapp unter Trafalgar Square. Die Aufzeichnung konnte man dort jahrelang hören. „So gut es ging, leitete ich alle meine Fahrten in der Tube über die Embankment-Station. Wenn nur irgendwie möglich, fuhr ich dort entlang“, erzählt Frau Dr McCollum mit einem Schmunzeln. Oft ließ sie beim Umsteigen absichtlich ein paar Züge abfahren, bevor sie endlich einstieg. „Ich liebe es einfach, dort seine Stimme zu hören. Das war wirklich etwas Besonderes, etwas sehr Vertrautes inmitten unserer Stadt. Die Stimme, die er dafür benutzte, war wirklich ganz seine eigene – dabei konnte er seine Stimme gut verstellen! –, nicht aufgesetzt, gar nicht fremd.“ Früher hatte die Allgemeinmedizinerin, die 39 Jahre lang als Ärztin arbeitete, ihre eigene Praxis im Nordwesten der Stadt. Sie war in Laufweite von ihrem Zuhause, sie musste die Tube also nicht oft benutzen. Seit sie im Ruhestand ist, hat sie noch viel mehr Zeit, an der Station vorbeizufahren. Es war für sie beruhigend zu wissen, „dass ich dort in der Tube-Station zu jeder Zeit seine Stimme hören konnte, wenn ich es denn wollte.“ Der Gebrauch der Aufzeichnung wurde über die Jahre schrittweise reduziert und war zum Schluss nur noch an der Embankment-Station zu hören. Nachdem im letzten November eine neue Lautsprechanlage eingestellt wurde, kam dort die Stimme eines jüngeren Mannes zum Zug.

„Ich war wirklich entsetzt, als ich am ersten November ankam und merkte, dass er weg war,“ flüstert Margaret, fast als wäre es ihr peinlich. „Ich war am Boden zerstört. Ich hab mir sofort gedacht, dass ich mit jemandem reden muss, der das wiedergutmachen kann!“ Margaret sprach mit der U-Bahn-Gesellschaft. Tatsächlich wird Oswalds Stimme nun bald wieder ertönen, nur damit seine Witwe ihm dort wieder zuhören kann. Auch gaben sie ihr eine CD mit der Aufzeichnung, so dass sie nun nicht mehr über Embankment fahren muss, um ihren Liebsten zu hören. Johanna Kamradt

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