Welt : London trotzt der Angst

Die Briten lassen sich trotz zweier Autobomben nicht aus der Ruhe bringen

Markus Hesselmann[London],Sarah Kramer[Berlin]

Das Wetter kann Wimbledon lahmlegen, die Angst nicht. Das traditionsreiche Tennisturnier im Südwesten Londons kam gestern verspätet in Gang. Das lag aber nicht an Sicherheitsbedenken nach den vereitelten Anschlägen in der Innenstadt, sondern am Regen. Ihr schlechtes Wetter ist eines der vielen Klischees über die Briten. Die „stiff upper lip“, die typisch britische Fähigkeit, sich selbst bei größter Gefahr nichts anmerken zu lassen und das Gesicht nicht zu verziehen, ein anderes.

Beide Klischees erweisen sich in diesen Tagen wieder als wahr. Das Wetter ist in diesem Sommer sogar noch ein bisschen schlechter, als man es auf den britischen Inseln ohnehin erwartet – mit Dauerregen in der Hauptstadt und Hochwasser in Nord- und Mittelengland. Der Brite trägt es mit Fassung. Und die Londoner bringen nicht einmal die beiden Autobomben, die Freitagnacht um ein Haar in der auch zu dieser Zeit belebten Innenstadt hochgegangen wären, aus der Ruhe. Jahrzehnte des Terrors durch die Irisch-Republikanische Armee (IRA) und die fast schon alltägliche Gefahr islamistischer Anschläge haben die Londoner abgehärtet. Selbst die schreckliche Erfahrung der Selbstmordanschläge vom 7. Juli 2005, deren zweiter Jahrestag in einer Woche begangen wird, hat an dieser Haltung nicht viel geändert.

Klaglos ertragen die Londoner auch das Verkehrschaos in der U-Bahn und auf den Straßen, das jeder Alarm – ob Fehlalarm oder tatsächliche Gefahr – mit sich bringt. Neben den beiden Bombenentschärfungen, für die Teile des West Ends und des Hyde Parks evakuiert und abgesperrt wurden, gab es in den letzten beiden Tagen noch einige Male Alarm, etwa in der Fleet Street, dem alten Standort der britischen Presse. Die belebte Straße wurde kurzzeitig abgesperrt, die Polizei fand nichts Verdächtiges.

„Wir dürfen uns durch die Terrorbedrohung nicht davon abhalten lassen, unser Leben im Alltag ganz normal weiterzuführen“, sagte Innenministerin Jacqui Smith, die selbst erst ein paar Tage im Amt ist und gleich mit einer solchen Krise konfrontiert wurde. Die Ansage wäre gar nicht nötig gewesen. Schon in der Nacht zum Sonnabend war die Normalität ins West End, das Theater- und Nachtclub-Viertel zwischen Leicester Square, Trafalgar Square und Piccadilly Circus, zurückgekehrt. Obwohl genau hier die Autobomben hochgehen und mit ihrem Gemisch aus Gas, Benzin und Nägeln so viele Menschen wie möglich töten und verletzen sollten. „Diese Gefahr gehört zur London-Erfahrung“, riefen die nächtlichen Clubgänger fröhlich in die Fernsehkameras.

„Das ist typisch London“, sagt ein Deutscher, der seit mehreren Jahren in der britischen Hauptstadt lebt, über diese stoische Haltung. „Die Leute hier lassen sich einfach von nichts beeindrucken.“ Das gelte sowohl für die Freizeit als auch für die Arbeit. „Von Angst war im Büro nichts zu spüren“, sagt der Wahllondoner. „Man hat kurz darüber geredet, welche Straßen gesperrt sind. Das war’s.“

Damit verhalten sich die Londoner ganz im Sinne der Sicherheitskräfte. Nach den zwei Bombenfunden hatten die Behörden die Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt verstärkt, hunderte zusätzliche Polizisten waren im Einsatz. „Die Botschaft ist: Bleiben Sie ruhig, aber seien Sie aufmerksam“, sagte Reshard Auladin von der Metropolitan Police. „Wenn Sie etwas Verdächtiges sehen, melden Sie es der Polizei.“ Diese Botschaft gilt für Londoner ebenso wie für Touristen. Bürgermeister Ken Livingstone sagte, die Straßen Londons seien nach der Entdeckung und Entschärfung der Autobomben wieder „völlig sicher“.

Er selbst werde an der Gay Pride Parade teilnehmen, sagte Livingstone. Zur Londoner Version des Christopher Street Day, der traditionellen Parade von Schwulen und Lesben, kamen gestern hundertausende Schaulustige. Die Veranstalter hatten im Internet für die Teilnahme geworben und auf zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen verwiesen.

Neben Wimbledon und dem Christopher Street Day ist das „Concert for Diana“ das dritte Großereignis in London an diesem Wochenende. Am heutigen Sonntag treten dort Stars wie Take That, Rod Stewart, Duran Duran, Bryan Ferry, P. Diddy, Joss Stone und Lily Allen auf. Am 1. Juli wäre Diana 46 Jahre alt geworden. Am 31. August jährt sich zum zehnten Mal ihr Todestag.

Elton John will heute im neuen Wembley-Stadion zum ersten Mal seit Dianas Beerdigung wieder „Candle in the Wind“ öffentlich singen, sein Lied zu Ehren der „Königin der Herzen“. Dianas Söhne, Prinz William und Prinz Harry, hatten Elton John persönlich darum gebeten. Sie haben das Konzert zu Ehren ihrer Mutter organisiert und werden auch auf die Bühne gehen, um die Bands vorzustellen. Die Prinzen haben die Künstler nach dem Geschmack ihrer Mutter und nach ihren eigenen Vorlieben ausgesucht. „Wir wollten ein großes Konzert zu ihrem Geburtstag, voller Energie und Freude, das ihr Lebenswerk würdigt“, sagte Prinz William. Zum zehnten Todestag der Prinzessin am 31. August soll es einen Gedenkgottesdienst geben.Bürgermeister Livingstone sagte, er glaube nicht, dass in London jemand aus Angst vor Anschlägen seine Eintrittskarte zurückgeben werde. Im neuen Stadion fanden gestern bereits Soundchecks der Künstler statt, bei denen viele Schulkinder dabei sein durften.