Lotto : Viel Geld, wenig Glück

Hebt ein Millionengewinn die Lebenszufriedenheit? Was Forscher dazu sagen können.

Adelheid Müller-Lissner
lotto
Heike Maurer bei der Ziehung der Lotto-Zahlen am Mittwoch. -Foto: dpa

Es ist die ganz verständliche Sehnsucht nach Glück, die Millionen Menschen zu den Lottoannahmestellen trieb. Wie aber wird sich das Leben der Gewinner verändern, werden die Millionen glücklich machen? Was sagen Wissenschaftler dazu? Sie sind etwas skeptisch. Schon in den 70ern hatte eine inzwischen als klassisch geltende Untersuchung zur „Quality of American Life“ ergeben, dass die finanzielle Situation eines Menschen nur unwesentlich zu seiner Lebenszufriedenheit beiträgt. Später bestätigte das eine Studie des Oxford-Forschers Michael Argyle. Multimillionäre bezeichneten sich zu 67 Prozent selbst als glücklich, die Durchschnittsverdiener immerhin zu 62 Prozent.

Die Volksweisheit, dass Geld nicht glücklich mache, wird nicht allein durch solche Befragungen, sondern auch durch die Einsicht gestützt, dass Bewohner reicher Länder auf der Glücksskala nicht weiter oben rangieren. Oder dass das Wachstum des individuellen Glücks mit dem des wirtschaftlichen Erfolgs nicht automatisch Schritt hält. „Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 zehnmal so reich sind wie mit 20. Aber nicht einer von ihnen behauptet, zehnmal so glücklich zu sein“, gab George Bernhard Shaw zu bedenken.

Wenn schon nicht der Vergleich mit dem früheren, „armen“ Ich, so könnte doch der mit anderen Menschen den Gefühlshaushalt bei der Entgegennahme von Barem beeinflussen. Darauf deutet eine Studie hin, die Mediziner, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler der Uni Bonn gerade im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ publizierten. 38 Männer wurden dafür paarweise in zwei nebeneinander stehende Hirnscanner gelegt und sollten gleichzeitig einfache Aufgaben lösen. Als Belohnung winkten bescheidene Geldpreise von 30 bis 120 Euro. Während des Experiments registrierten die Neurowissenschaftler erhöhte Aktivitäten in verschiedenen Regionen des Gehirns. Am höchsten war die Aktivität im ventralen Striatum, einem Bestandteil des Belohnungssystems, wenn einem Mann mitgeteilt wurde, dass er eine Belohnung bekomme, während sein „Gegner“ leer ausgehe. „Geld macht vor allem in seiner sozialen Vergleichsfunktion glücklich“, folgert der Arzt und Psychologe Klaus Fließbach, Erstautor der Studie. Ob das auch für Frauen und für Menschen anderer Kulturkreise gelte, müssten aber weitere Studien zeigen.

Welches Bild würde sich den Hirnforschern bieten, wenn sie Lottogewinner in ihre Scanner legen könnten – gleich nach der freudigen Nachricht oder Jahre danach? Einstweilen kann man darüber nur spekulieren. „Auf jeden Fall fehlt bei Lotteriegewinnern die wichtige Komponente des Leistungsvergleichs mit anderen“, sagt Fließbach. „Außerdem liegt ein Millionenbetrag jenseits der Summe, die für die meisten von uns zur sozialen Statusbildung beiträgt.“ Fließbachs Versuchspersonen bekamen als Belohnung nur ein kleines Taschengeld. Ihn beunruhigt, was die Überweisung eines Millionenbetrags nach der Teilnahme an einem Glücksspiel für einen Menschen bedeutet, der bisher für jeden Euro hart arbeiten musste. Entwertet das nicht im Rückblick Teile der eigenen Biografie?

Andererseits könnten vor allem die, die wenig verdienen, den Gewinn im Alltag gut gebrauchen. So erstaunt es auch nicht, „dass mehr Geld nur am unteren Ende der Einkommensskala für ein deutliches Plus an Zufriedenheit sorgt“, wie Stefan Klein, Autor des Buches „Die Glücksformel“, die einschlägigen Forschungsergebnisse zusammenfasst. Hier geht es allerdings nicht um Millionenbeträge, sondern um Summen, die es etwa einer alleinerziehenden Mutter ermöglichen, ihr Kind an der Klassenfahrt teilnehmen zu lassen.

Was Geld für Menschen so attraktiv macht, sind die Möglichkeiten, die in ihm stecken, sagt denn auch der amerikanische Psychiatrieprofessor und Verhaltensforscher Gregory Berns von der Emory University in Atlanta. Geld erleichtert den Zugang zu Neuem, es ist also ein Glücksversprechen, ein „Zwischenschritt auf dem Weg zu befriedigenden Erfahrungen“.

Daran, dass das Geld für solche Erfahrungen fehlt, wird ein Mensch mit bescheidenem Einkommen täglich erinnert. Daran, dass er Geld im Überfluss hat, kann man sich dagegen ganz offensichtlich schnell gewöhnen.

Weil Glücksgefühle sich aus Überraschendem und Neuem ergeben, werden die starken Emotionen durch Gewöhnung an einen höheren Lebensstandard schnell wieder ausgeglichen. Das Glücksgefühl sinkt auf den Normalzustand zurück. Als Dauerzustand hebt Reichtum die Stimmung dann allenfalls minimal. Wie sagte doch der bayerische Querkopf und Künstler Herbert Achternbusch: „Das schöne Gefühl, Geld zu haben, ist nicht so intensiv wie das Scheißgefühl, kein Geld zu haben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar