Welt : Lou gets happy

Der Rotschopf gewinnt die Grand-Prix-Vorentscheidung – und darf in Riga für Deutschland singen

Jörn Wöbse[Kiel]

Ralph Siegel hat es also doch wieder geschafft! Obwohl er noch im Mai 2002, nach dem Desaster mit Corinna May, deprimiert seinen endgültigen Rückzug vom Grand Prix angekündigt hatte, gewann sein Titel „Let’s get happy“ mit der Sängerin Lou die diesjährige deutsche Vorscheidung für Riga.

Ein Trend ist deutlich ablesbar bei diesem Sangeswettbewerb in der Kieler Ostseehalle: Die Zeiten sind schwierig, es geht zum Getragenen. Drei Uptempo-Titeln stehen 11 Balladen gegenüber. Aber der Reihe nach: Sascha Pierro – schon vergessen. Dann Charlemaine, die sich fatalerweise für Tina Turner hält, es aber nicht ist. Dafür trägt ihr Gitarrist die beeindruckendste Tätowierung. „Der Junge mit der Gitarre“, sponsored by „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, sehr friedensbewegt, mit dem anspruchsvollsten Text des Abends. Probe gefällig? „Heute denk’ ich an den Frieden, weil die Sonne den Frieden so sehr liebt.“ Die deutschen Texte waren übrigens in der Überzahl, nicht immer zum Vorteil der Texter.

Die dralle Lou singt in Englisch –„Let’s get happy“, komponiert von Ralph Siegel. Da weiß man, was man hat. Elija trägt eine klassische Schnulze vor, die aus Elton Johns Papierkorb kommen könnte, aber immerhin einen wieder erkennbaren Refrain aufweist. Die Überraschung des Abends sind die christlich orientierten Jungs mit dem neckischen Namen „Beatbetrieb“. „Woran glaubst du?“ hat mit Abstand den modernsten Groove und ist an Xavier Naidoo orientiert. Mit ihrem zweiten Platz werden sie nicht gerechnet haben.

Isgaard macht Wagner-Pop à la Enya, den Vieren von „Vibe“ muss man sagen, dass noch keine „Temptations“ vom Himmel gefallen sind. Und „Troje“ sind nicht nur am gruseligsten gekleidet, sondern tragen – mit Verlaub – den dämlichsten Text vor. „Lovecrush“ – süß, aber peinlich. Aber sie bekommen die Stimme von Olli Kahn: die Bassistin hat verblüffende Ähnlichkeit mit „Partyluder“ Verena K. „Die Gerd Show“ – powered by „Bild“: nichts für Europa. Trotzdem Platz 3, die Pfiffe waren nicht nett! taz-Kandidatin Senait ist die schönste Frau des Wettbewerbs, „Herz aus Eis“ ist dann aber doch zu belanglos. „Freistil“: nochmal Naidoo, diesmal aber nur für Arme. Und schließlich „Tagträumer“, unterstützt von der türkischen Zeitung „Hürriyet“ – die letzte Ballade des Abends, und nicht die schlechteste. 2/5 Deutsch, 2/5 Englisch, 1/5 Türkisch; aber Multikulti war diesmal einfach nicht gefragt.

Im Gegensatz zum Ballyhoo der vergangenen Jahre strahlte die Vorentscheidung 2003 im Vorfeld eine geradezu friedliche Ruhe aus, die nicht im Sinne der Veranstalter sein konnte. Mit ebenso hirnrissigen wie geschickt initiierten Skandälchen und diversem medialen Klamauk konnte seit Mitte der 90er Jahre stets die Sensationslust des Publikums bedient werden. Wer erinnert sich nicht gern an das Gezerre um Guildo Horn und Raab, die rührseligen Corinna-May-Geschichten, Michelles neuen Busen, oder – im Vorjahr – die verbalen Rempeleien zwischen Bernhard Brink und Joey Kelly.

Der einzige handfeste Krach dieses Jahres, um den nackten Hintern des überforderten „Joachim Deutschland“, liegt schon eine Ewigkeit zurück. Ansonsten: tote Hose. Bitter, wenn die Nasennebenhöhlenvereiterung von „Gummikanzler“ Elmar Brandt zur sensationellen Nachricht hochgekocht werden muss, zumal „Superstar“-Aspirant Alexander mit einem ganz ähnlichen Zipperlein schon viel früher aktenkundig wurde. Und der Boykott-Aufruf der aufrechten Kämpfer für das Wahre und Gute von der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlager“? Versandete zu Recht in den hintersten Zeilen des „Vermischten“. Nur mit Musik – und sei sie noch so gut – lassen sich eben keine Schlagzeilen machen. Das hätten nicht einmal die Rolling Stones geschafft.

Aber Ralph Siegel hat es wieder geschafft. Der Schlager-Oldie ist offenkundig das Stehaufmännchen des Schlagers. „Let’s get happy“ ist denn auch die typische Standardware des Duos Siegel/Meinunger: fröhlicher, simpler Tanz-Pop. Hier reimt sich zuverlässig „shoes“ auf „Blues“ – da weiß man, was man hat! Dem Titel wird nachgesagt, er habe mehr als nur eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Wolfgang Petry-Kracher. Aber was soll’s? Gewonnen ist gewonnen.

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