Loveparade-Chef Rainer Schaller : "Ich bin 100 Prozent risikobereit"

Rainer Schaller ist Chef von McFit – mit der Loveparade wollte er den Durchbruch schaffen. Jetzt steht er vor einer Tragödie, die sich nicht erklären lässt.

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Es begann als großes Abenteuer und endete mit tiefer Betroffenheit. Als Rainer Schaller vor gut vier Jahren die Geschäftsführung der wirtschaftlich angeschlagenen Loveparade übernahm, da strahlte er vor Tatendrang und Freude über die neue Herausforderung. Wie ein unternehmungslustiger Jugendlicher vor einer aufregenden Reise wirkte der durchtrainierte Manager mit den dicken Ohrringen und dem lockeren Auftreten damals bei einem Besuch in Berlin, der Keimzelle der Loveparade. Der Geschäftsmann hatte die auf Billigangebote setzende Sportstudiokette McFit gegründet und eine bis dahin recht erfolgreiche, aber doch überschaubare Expansionsstrategie verfolgt. Nun sollte die weltweit bekannte Loveparade dem Einzelhandelskaufmann und seinem Konzern den ganz großen Auftritt verschaffen – und nebenbei jede Menge Spaß. Denn Schaller, der seine Laufbahn als Edeka-Filialleiter begonnen hatte, ist nicht nur ein außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmer. Der 41-Jährige feiert auch gerne lange und laut. Freunde bezeichnen ihn als Partytier, er selbst nennt sich „Kampfschwein“. Privat wie auch geschäftlich setzte er oft alles auf eine Karte: „Ich bin 100 Prozent risikobereit“, sagte Schaller vor einem Jahr im Interview.

Vier Jahre später ist der Traum geplatzt. Am Tag nach der Katastrophe von Duisburg tritt ein kaum wiederzuerkennender Rainer Schaller vor die Kameras. Statt des kämpferischen, fröhlich-provokanten Blicks, den er sonst draufhat, sieht man tiefe Trauer und Fassungslosigkeit in seinem Gesicht. „Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären“, sagt er. Daraus spricht Mitgefühl für die Opfer der Tragödie – aber wohl auch die Sorge, dass es nun mit seinem eigenen Höhenflug vorerst vorbei sein dürfte. Und das nicht nur, weil Schaller und seiner Veranstaltungsfirma Lopavent vorgeworfen wird, sich über Sicherheitsbedenken hinweggesetzt und Druck auf die Stadt Duisburg ausgeübt zu haben. Sondern vor allem, weil nun das mit vielen Millionen aus Schallers Kasse gepflegte Image der Loveparade und ihres Sponsors McFit angeschlagen, wenn nicht gar zerstört ist. Denn das ist es, was den Franken Schaller einst zum Berliner Techno-Umzug brachte, als der seine besten Jahre eigentlich schon hinter sich hatte. „Die Loveparade braucht ein gutes Image“, sagte Schaller damals und meinte: Damit McFit bei seiner geplanten Europaexpansion mit der Parade für sich werben kann, braucht man Bilder von fröhlich tanzenden, sportlich aussehenden und knapp bekleideten Menschen. Nicht von Drogenexzessen oder Müllbergen, die zuletzt in Berlin das Image geprägt und zum Absprung früherer Sponsoren beigetragen hatten. Und schon gar keine Bilder von Toten und Verletzten, wie jetzt aus Duisburg.

Wie Schaller und sein inzwischen auf 100 Filialen mit 3000 Mitarbeitern gewachsenes Unternehmen jetzt weitermachen wollen? Das war eine der Fragen, die der Chef und seine Mitarbeiter seit der Katastrophe hinter geschlossenen Türen besprechen. Am Montagnachmittag dauerten die Gespräche an, wie eine Unternehmenssprecherin sagte. Zumindest was das finanzielle Risiko angeht, hatte sich Schaller abgesichert: Der Veranstalter Lopavent hatte für die Parade eine Haftpflichtversicherung mit einer Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro bei der Tochter des französischen Versicherungskonzerns Axa abgeschlossen, wie am Montag bekannt wurde.

Dennoch: Der Rückschlag dürfte auch einen gewieften Selfmademillionär wie Schaller nachhaltig verunsichern. In der öffentlichen Darstellung seines Konzerns kam die Tragweite des Wochenendes allerdings nur langsam an. Die McFit-Website (Slogan: „Einfach gut aussehen“) erwähnte die Tragödie bis Montagnachmittag gar nicht. Erst am Abend wurde eine Erklärung eingestellt: Man sei in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und wünsche ihnen Kraft und Zuversicht.

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