Ludwigshafen : Verletzte Gefühle

Die Ursachen des Brandes von Ludwigshafen sind unklar – das schafft Raum für Verdächtigungen.

Hannes Heine[Ludwigshafen]

Die Gefühle kochen hoch, die Verletzungen im Verhältnis zwischen Deutschen und Türken brechen auf. Die Brandkatastrophe in Ludwigshafen, bei der neun Menschen aus der Türkei starben, legt die Befindlichkeiten gerade deshalb offen, weil die Brandursache ungeklärt ist. Das ist ein idealer Raum für Gerüchte, Spekulationen und Verdächtigungen.

Und ein idealer Raum für Politiker. Der türkische Regierungschef Erdogan, der gestern den Brandort vor einer aufgeheizten Menge besuchte, will sich zu Beginn des Wahlkampfs in der Türkei angesichts der Konflikte im Inneren als Mann präsentieren, der sich für die Türken im Ausland einsetzt. Und gleichzeitig das Verhältnis zu Deutschland verbessert. Medien und Trauernde rief er am Brandort zu Mäßigung auf.

Auch Politiker in Deutschland warnten vor voreiligen Schlüssen. Es müsse in der gegenwärtigen Situation von deutscher wie von türkischer Seite alles vermieden werden, „was zu einer Störung des Miteinanders führen könnte“, hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck vor der Ankunft Erdogans gesagt. Zugleich äußerte Beck ebenso wie Politiker der CDU deutliche Kritik an der Rolle der türkischen Medien. Er habe den Eindruck, dass die Reaktionen mancher türkischer Medien auf den Brand „zum Teil bereits feststanden, bevor die Fragen gestellt wurden“. Zugleich nahm er die Hilfskräfte von Feuerwehr und Polizei gegen Kritik in Schutz, sie hätten nicht rechtzeitig geholfen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte, wenn man Integration wolle, dann heiße das auch, „dass man die aufnehmende Gesellschaft vor falschen Verdächtigungen und Pauschalurteilen in Schutz nehmen muss“.

Der Vorsitzende des deutsch-türkischen Forums in der CDU, Bülent Arslan, warf den türkischen Medien vor, sie bedienten „eine verbreitete Einstellung in der Bevölkerung“, den deutschen Behörden nicht zu trauen. Bis Donnerstagabend war noch völlig ungeklärt, ob die Ursache des Brandes einen rechtsextremen oder einen technischen Hintergrund hat. Es gibt vage Hinweise auf beide Möglichkeiten.

Das Haus war in der Vergangenheit Ziel von Rechtsextremen. An dem von türkischen Familien bewohnten Gebäude ist zweimal das Wort „Hass“ mit den bei Neonazis üblichen SS-Runen an die Wand geschmiert worden. In unmittelbarer Nähe ist auch der Schriftzug „Antifa auf’s Maul“ zu lesen. Hinweisen, wonach die türkischen Betreiber des Vereinslokals im Erdgeschoss nach ihrem Einzug vor ein paar Jahren bedroht worden sind, werde nachgegangen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Noch vor knapp zehn Jahren, so die Behörden, habe sich in den Räumen eine bei Rechtsextremen beliebte Kneipe befunden. Auf das Haus war schon 2006 ein Brandanschlag verübt worden. Die Täter sind nie gefasst worden.

Fest steht, rund um Ludwigshafen gibt es eine rechte Szene. In den vergangenen Jahren haben Neonazis bei Fußballspielen in der Umgebung Auseinandersetzungen mit linken Fans angezettelt und Konzerte von rechtsextremen Bands organisiert. Die Polizei geht davon aus, dass die Neonazi-Schmierereien lange vor dem Brand angebracht wurden.

Weiter geprüft werden die Angaben einer neunjährigen Zeugin. Das türkische Mädchen, das aus dem brennenden Haus gerettet werden konnte, habe im Eingang des Gebäudes zuvor einen Mann zündeln sehen. „Sie konnte erkennen, dass er brennendes Papier in der Hand hielt. Dann sah sie offenbar, wie er versuchte, damit Gegenstände im Treppenhaus anzuzünden“, sagte der Vize-Chef der Türkischen Gemeinde Rheinland-Pfalz, Bayram Türkoglu, dem Tagesspiegel. Türkoglu hatte das Mädchen besucht und ausführlich mit ihm gesprochen. Der unbekannte Mann habe das Mädchen und eine ebenfalls türkische Spielkameradin gefragt, ob sie in dem Haus lebten. Die Kinder seien daraufhin zu einem Verwandten in die erste Etage des Hauses gerannt. Wenig später habe das Treppenhaus gebrannt, berichtet Türkoglu. „Wir können derzeit keinerlei Brandursache wirklich ausschließen", heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Auffällig ist, dass das Erdgeschoss des Hauses nur wenig von Flammen zerstört worden ist – der Eingangsbereich ist überhaupt nicht von Flammen berührt –, während die drei darüber liegenden Geschosse völlig ausgebrannt sind. „Das könnte damit zusammenhängen, dass die Flammen aus dem Treppenhaus sogartig nach oben gezogen worden sind“, sagte ein Feuerwehrmann. Möglich sei aber auch, dass das Feuer nicht durch Brandstiftung, sondern durch eine defekte Leitung in einer Wohnung in der ersten Etage ausbrach. Das Haus sei alt und stark erneuerungsbedürftig gewesen, heißt von Nachbarn. Sie erzählen, dass der Besitzer ein Opa des neunjährigen Mädchens sei. In den von Türken besuchten Kneipen der Stadt wird dies bestätigt. Andere Nachbarn vermuten, dass die Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten worden sind. „In dem Haus wurde an allen Enden gespart“, sagte eine Nachbarin dem Tagesspiegel. Nach bisher unbestätigten Aussagen soll das Haus mit einer alten Gasetagenheizung beheizt worden seien.

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