Welt : Lufthansa: Verflogen

Kurt Sagatz

Zwischenrufer, Demonstranten mit Transparenten, Rangeleien mit Ordnungskräften: Das sind die Bilder, die mit öffentlichem Protest in Verbindung gebracht werden. Und es hat sie auch gegeben, gestern auf der Hauptversammlung der Lufthansa AG. Sowohl im Saal vor den versammelten Mitgliedern von Vorstand und Aufsichtsrat als auch vor der Kölner Messe, wo die Aktionärsversammlung am Mittwoch stattfand. Dieses Jahr jedoch setzten die Initiatoren des Protests gegen die Beteiligung der Lufthansa an der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber auch auf andere Bilder: Auf den Bildschirmen der Internet-Nutzer. Über Wochen wurde die Netzgemeinde aufgefordert, pünktlich zum Beginn der Hauptversammlung um 10 Uhr virtuell das Online-Portal der Fluggesellschaft zu stürmen, um so die Internet-Präsenz des "Aviation-Konzerns" zumindest vorrübergehend zum Erliegen zu bringen.

Strafbare Sabotage?

Über das Ergebnis der ersten politisch motivierten Online-Demonstration in Deutschland wird sicherlich in nächster Zeit reichlich gestritten werden. Sven Maier, Sprecher der Initiativen "Kein Mensch ist illegal" und "Libertad" ist sich sicher, dass der Protest "Wirkung gezeigt hat". Das mit einer speziellen Software erzeugte Bombardement von Anfragen habe in zwei Wellen um 10 Uhr 04 und um 10 Uhr 16 auf dem Lufthansa-Server große Ausschläge verursacht, so Maier. Dies wird von der Fluggesellschaft zumindest teilweise bestätigt. Anfänglich seien erheblich höhere Zugriffe registriert worden, so Martin Riecken von der Lufthansa AG. Dadurch seien die Online-Angebote zehn Minuten lang nur schwer zu erreichen gewesen. Dennoch, so Riecken weiter, sei die "Aktion im Grunde misslungen", schließlich sei es das Ziel der Initiatoren gewesen, die Webseite über zwei Stunden zu stören.

Messbar, aber nicht sichtbar, so stellte sich der Protest aus Sicht der normalen Internet-Nutzer dar. Von völliger Unerreichbarkeit war nichts zu sehen, nur das Online-Buchungssystem Info FlyAway baute sich in der ersten halben Stunde des Protests äußerst mühsam bis überhaupt nicht auf. Sicherlich ärgerlich genug, erläuterte doch Lufthansa-Vorstandschef Jürgen Weber den Aktionären fast zeitgleich, wie erfolgreich gerade die Online-Aktivitäten seien und das inzwischen jeden Tag rund 1000 Buchungen über das Internet abgewickelt würden. Immerhin konnte man diese Worte nicht nur im Saal und über die Live-Berichterstattung auf "N24" verfolgen, sondern genauso über die Webcam auf der Lufthansa-Seite, die zu keinem Zeitpunkt gefährdet war. Dass es hier zu keinen peinlichen Ausfällen kam, dafür hatten die Techniker gesorgt und für die Video-Übertragung einen gesonderten Internet-Rechner aufgestellt.

Neben dem Streit über Erfolg oder Misserfolg der Aktion droht den Abschiebungs-Gegnern möglicherweise ein juristisches Nachspiel. Lufthansa hält sich offen, gegen diese Art des Protests zumindest zivilrechtlich vorzugehen. Indirekte Unterstützung erhielt die Gesellschaft dabei vom Bundesjustizministerium. Von einer Demonstration könne nur geredet werden, wenn mehr als zwei Menschen sich zum Protest zusammenfinden. Beim Internet-Protest sei es jedoch die Frage, ob es sich nicht um eine strafbare Sabotage handelt.

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