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Luftverkehr : Wieder mehr Gewimmel am Himmel

Das Flugverbot in Europa ist gelockert - einige Airlines haben Sondergenehmigungen bekommen. Die Pilotengewerkschaft Cockpit kritisiert die Sichtflüge. Derweil hat die Deutsche Flugsicherung die Sperrungen des deutschen Luftraums bis Dienstag 20 Uhr verlängert. Und die Europäische Union will Finanzhilfen für Fluggesellschaften prüfen.

von , und Sebastian Bickerich

Mit Sondergenehmigungen sind am Dienstag in Berlin mehrere Verkehrsflugzeuge von den Flughäfen der Hauptstadt gestartet. Einige Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air Berlin haben Sondergenehmigungen für Starts bekommen. Auf den Berliner Flughäfen sei inzwischen entsprechend wieder „mehr los“, sagte ein Flughafensprecher. Die Deutsche Flugsicherung hat jedoch die Sperrungen des deutschen Luftraums bis Dienstag 20 Uhr verlängert. Wer auf Sicht fliegt, ist aber von diesem Verbot ausgenommen. Die Berliner Flughäfen raten Passagieren weiterhin dringend, sich vor der Anfahrt zu den Flughäfen mit den Fluglinien in Verbindung zu setzen, ob die Flüge auch tatsächlich starten.

Air Berlin fliegt nach Angaben ihres Vorstandschefs Joachim Hunold wieder größtenteils nach Plan. Am Morgen seien die Maschinen wieder wie im normalen Flugbetrieb gestartet, sagte Hunold. Es seien lediglich einige Verbindungen gestrichen worden.

Bereits am Montag habe es 104 Flüge durch Air Berlin gegeben. Dabei seien 15.000 Passagiere zurückgeholt worden. In den kommenden zwei bis drei Tagen sollten alle gestrandeten Fluggäste wieder nach Deutschland gebracht werden, sagte der Chef der Fluggesellschaft. Angesichts der hohen Zahl von noch immer festsitzenden Passagieren plädierte Hunold für eine zeitlich befristete Lockerung des Nachtflugverbots.

Kontrollierte Sichtflüge in niedriger Höhe

Auch die Lufthansa erhielt eine Ausnahmegenehmigung, um 50 Langstreckenflugzeuge mit 15.000 Passagieren nach Deutschland zurückzuholen. Zusätzlich starteten von Berlin und München Jets nach Bangkok, Phuket und Male. Am Dienstag sollten fast alle Langstreckenflüge stattfinden. Insgesamt beantragten zehn Fluggesellschaften Sonderflüge. Die Flugzeuge sollten nach ihrer Landung auf mögliche Auswirkungen durch die Aschewolke untersucht werden. Reisende können Sonderflugpläne auf den Websites und Hotlines der Fluglinien und Reiseveranstalter erfahren.

Ziel sei ein „kontrollierter eingeschränkter Betrieb“, sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nach einer Telefonkonferenz mit seinen EU-Kollegen. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft teilte mit, dass der europäische Luftraum ab Dienstagmorgen 8 Uhr teilweise wieder geöffnet werden sollte. Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol erwartet eine Normalisierung des Flugbetriebs bis Donnerstag, sollte die Aktivität des Asche speienden isländischen Vulkans weiter abnehmen.

Die Flüge finden im deutschen Luftraum als kontrollierte Sichtflüge in niedrigerer Höhe als üblich statt. Dabei werden die Maschinen von den Fluglotsen per Funk und Radar überwacht, dürfen aber nicht in Wolken einfliegen. Bei klarem Himmel seien Flughöhen bis 8000 Meter möglich, sagte eine Lufthansa-Sprecherin. Die eingeschränkte Freigabe des Luftraums erfolgte nach massiven Protesten der internationalen Verbände von Fluggesellschaften und Flughäfen. Nach ihrer Ansicht haben die europäischen Behörden weitaus mehr Lufträume gesperrt als erforderlich.

Pilotengewerkschaft Cockpit kritisiert Sichtflüge

In Deutschland war es zu einer offenen Kontroverse zwischen Lufthansa sowie Air Berlin und Verkehrsminister Ramsauer gekommen. Während die Luftverkehrsunternehmen auf ihre problemlosen Testflüge verwiesen, hatte ihnen der Politiker vorgeworfen, wirtschaftliche Aspekte vor die Sicherheit zu stellen. Die Pilotengewerkschaft Cockpit kritisierte die Sichtflüge scharf. Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg warf Bundesverkehrsminister Ramsauer vor, unter dem Druck der Fluggesellschaften eingeknickt zu sein. „Kurz vor einem Messflug, der endlich die Daten liefert, auf die wir alle seit Tagen warten, heißt es plötzlich: Dann fliegt halt nach Sicht. Das heißt, wir fliegen mal los, weil ein paar Flüge gut gegangen sind, und, na ja, es wird schon gut gehen“, kritisierte der Cockpit-Sprecher am Montagabend in der ARD. „Die Piloten fühlen sich unter Druck gesetzt, weil sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet fühlen“, sagte Handwerg weiter. Er äußerte zugleich die Befürchtung, dass bei Unfällen die Piloten dafür verantwortlich gemacht würden.

Am Montag fand ein dreistündiger Messflug mit einem Testflugzeug des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt statt, das über das Wochenende mit den benötigten Geräten ausgestattet worden war. „Sie sehen ein glückliches Team. Wir sind erfolgreich geflogen“, sagte der Leiter des Instituts für Physik der Atmosphäre beim DLR, Ulrich Schumann. Die Falcon 20 E sei über Leipzig bis an die holländische Grenze geflogen, um die Dichte der Ascheteilchen in der Luft sowie ihre Größe zu messen. Die Ergebnisse sollen heute bekannt gegeben werden.

Gleichzeitig wurden im Triebwerk eines F-16-Kampfjets der Nato Glas-Ansammlungen gefunden. „Das ist eine sehr, sehr ernste Angelegenheit“, sagte ein ranghoher US-Vertreter in Brüssel. „Sie können fliegen, aber es ist gefährlich.“ Nach Angaben von Eurocontrol sind seit Donnerstag rund 80.000 Flüge in Europa ausgefallen. Betroffen von den Streichungen waren nach Hochrechnungen rund neun Millionen Passagiere.

EU will Hilfen für Airlines prüfen

Die Europäische Union (EU) will Finanzhilfen für die millionenschweren Verluste der Airlines in Folge des Flugverbots prüfen. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas will zu diesem Zweck eine „Task-Force“ bilden. Konkrete Zahlen nannte Kallas bei der Sonderdebatte am Dienstag im Europaparlament in Straßburg nicht.

Im - wegen der Flugausfälle - spärlich besetzten Plenarsaal haben alle Fraktionen die Begründung des Flugverbots mit dem Grundsatz „Sicherheit geht vor“ akzeptiert und begrüßt. „Lieber ein unzufriedener Passagier, der lebendig ist, als einer, der beim Flug von Frankfurt nach Mallorca abstürzt“, sagte der CSU-Parlamentarier Markus Ferber. Allerdings warfen Abgeordnete der EU-Kommission vor, zu spät gehandelt zu haben.

Welche Lehren haben die Parlamentarier aus diesem Verkehrschaos gezogen? Sie forderten einmütig mehr Geld für die Alternative Schienenverkehr. „Von einem funktionierenden europaweiten Binnenmarkt im Schienenverkehr sind wir noch weit entfernt“, monierte die Deutsche Gesine Meissner von den Liberalen. Kein ICE-Zug könne von Deutschland nach Südspanien durchfahren, um dort gestrandete deutsche Urlauber heimzuholen.

„Die Fluggesellschaften in Europa bekommen jedes Jahr vom europäischen Steuerzahler 14 Milliarden Euro geschenkt, weil sie keine Kerosinsteuer zahlen - im Gegensatz zur Bahn“ kritisierte der deutsche Grüne Michael Cramer.

Das Flugchaos nach dem isländischen Vulkanausbruch hat auch die Arbeit des EU-Parlaments behindert. Weil viele Abgeordnete keinen Flieger nach Straßburg gefunden haben, wurde die Sitzungswoche um einen Tag verkürzt und die Abstimmungen gestrichen.

Der isländische Eyjafjalla-Vulkan speit nach Angaben von Meteorologen unterdessen weniger Asche aus als bislang. Die Farbe des Dampfes deute darauf hin, dass es sich mehr um verdampfendes Wasser handle, sagten isländische Geologen. Auch übersteige die Aschesäule nicht mehr die Marke von 3000 Metern, sei also nur noch halb so hoch wie am Anfang. (mit dpa/ddp)

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