Welt : Lurchi wohnt hier nicht mehr

Der kleine Salamander hat immer alle gerettet. Nur sich selbst konnte er am Ende nicht mehr helfen

Philipp Mausshardt

Der Tod kam auf leisen Sohlen. Auf Salamander-Sohlen. Genau 100 Jahre, nachdem der schwäbische Schuster Jakob Sigle und der jüdische Händler Rudolf Moos aus Berlin 1904 beim kaiserlichen Patentamt in Berlin die Marke „Salamander“ eintragen ließen und damit die erfolgreichste deutsche Schuhmarke begründeten, meldete Salamander am 8. September dieses Jahres beim Amtsgericht Ludwigsburg die vorläufige Insolvenz an.

Selbst Lurchi, der findige Feuersalamander und seit 1937 Werbeträger der Firma, konnte nicht mehr helfen: „Hoffnungslos erscheint die Lage./ Wer bringt Rettung?, ist die Frage.“

Der Betrieb mit Stammsitz im württembergischen Kornwestheim war schon vor Jahren ins Trudeln geraten. Der baden-württembergische Energieversorger EnBW übernahm im Jahr 2000 mehr aus Mitleid denn aus Kalkül den maroden Schuhhersteller, dann folgten ein Schweizer Besitzer und schließlich die Düsseldorfer Garant Schuh und Mode AG.

Sie alle wurstelten weiter, aber keiner im Management hatte offensichtlich Lurchi gelesen: In einem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug jagt Lurchi einmal einen Abhang hinunter. „Angsterfüllte Schreie gellen,/ ,Bremse, Lurchi!, wir zerschellen.’/ Lurchis Antwort kommt gequält: ,Kann nicht bremsen, Bremse fehlt.’“

Uns Schülern leuchtete auf dem Heimweg durch die Fußgängerzone das grüne Ladenschild immer auch dem Weg ins Glück: Salamander. Wir kannten die einzelnen Verkäuferinnen und wussten, welche von ihnen uns auch ohne den Kauf eines neuen Paars Schuhe das Heftchen unterm Ladentisch zuschieben würde. Mit einem verschwörerischen Blick: „Aber nicht weitersagen.“ Sonst wäre das Schuhgeschäft am nächsten Tag überrannt worden. Und deshalb bekamen wir zu dritt auch immer nur ein Heft.

Es gibt heute Kinder, die wissen nicht mehr, wer Lurchi ist. Menschenskinder! Lurchi war der Held einer ganzen Nation. Der ist schon auf dem Mars gelandet, da waren die Amerikaner noch nicht einmal auf dem Mond. Und über dem Fudschijama nur mit Hilfe eines Sonnenschirms aus dem Flugzeug abgesprungen. Hat Geisha-Mädchen in Japan besucht („Diese zeigten sich gesellig: “Eine Tasse Tee gefällig?“) und den Bumerang eines australischen Aborigines allein mit seinen Salamander-Schuhen abgewehrt und zurückgeschleudert. Der so besiegte Eingeborene bittet noch im Niedersinken „arg benommen: ,Ich auch solche Schuh’ bekommen!’“

Ja, damals durfte man über solche Witze hierzulande noch lachen. Lurchi und seine Freunde Unkerich (die Kröte), Mausepiep (die Maus), Igelmann (der Igel), Hopps und Piping haben viele Abenteuer bestanden, aber vor allem eine Heldentat vollbracht: dass über Jahrzehnte hinweg die Blasen an den Füßen neuer Schuhe vergessen waren.

Denn Schuhe kaufen war für Kinder – bis Lurchi kam – ein eher qualvoller Vorgang. Lurchi hat das geändert. 1967 verkaufte Salamander weltweit fast 14 Millionen Paar Schuhe und beschäftigte mehr als 17000 Mitarbeiter. „Selbst der alte Winnetou/ trug schon Salamander-Schuh.“

Als in den 70er Jahren die heimische Schuhproduktion durch billigere Produkte aus Südeuropa und Asien aus dem Tritt gerät, fällt den Lurchi-Herren in Kornwestheim noch einmal eine rettende Idee ein: Sie verkaufen der DDR mehr als fünf Millionen Paar Schuhe, denn selbst der Sozialismus in seinem unaufhaltsamen Lauf braucht gutes Schuhwerk. Und die Qualität war schließlich immer das Credo der Schuhmarke aus Kornwestheim.

Vielleicht auch ihr Untergang. Jedenfalls erinnert sich ein alter Salamander-Schuhverkäufer heute: „Die Schuhe haben leider sehr, sehr lange gehalten.“ Modischen Firlefanz hat man dagegen stets abgelehnt. So wie auch Lurchi bis in die 90er Jahre noch mit einem grünen Jägerhut daherkam: altmodisch, aber solide, eben „made in Germany“.

Opel Blitz, Lurchi, der Quelle-Katalog. Man mutet unserem Gemüt in diesen Tagen womöglich etwas zu viel zu. Am deutschen Qualitätswesen sollte die Welt genesen, stattdessen vermelden die Billiger-Jakob-Läden ununterbrochen Umsatzsteigerungen, und in China suchen sie Arbeitskräfte. Oder, um es mit den Worten Lurchis zu sagen: „Schläft der Jäger ein im Wald/ lacht der Hase tot sich bald.“

Oder so ähnlich. Als He-Man, Pokemon, Tabaluga und Diddelmaus die Kinderzimmer eroberten, schallt’s aus dem Walde immer seltener noch: „Salamander lebe hoch.“

Mit dem Umsatzeinbruch wurde Lurchi zwar panisch modernisiert: Hut und Gamsbart ab – T-Shirt und Hose an. Dazu sollte er sein Image als rüpelhafter Draufgänger gegen das eines Teamworkers eintauschen. Doch geholfen hat es wenig. Die Lurchi-Hefte, zu ihren Hochzeiten in einer Auflage von über drei Millionen Exemplaren gedruckt, erreichten zuletzt gerade noch 700000 Stück.

Die Schuhe etwickelten sich zu Ladenhütern. Immerhin, findet Dietwald Doblies, der Lurchi-Zeichner und -Texter, sei Lurchi eine der erfolgreichsten Comic-Figuren in Deutschland. „Donald Duck ist schließlich auch nur drei Jahre älter als Lurchi“, sagt Doblies, der aber auch keinen Rat weiß, wie es nach der Insolvenz weitergehen soll.

Vielleicht hilft ja ein Blick in Heft Nummer 24: „Wo das Wasser gar zu rar/ ist der Boden unfruchtbar“ – eine von vielen Lurchi-Weisheiten, die plötzlich wie ein Appell an dringend gesuchte Investoren klingt.

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