Welt : Lust und Last - die Mutter der Nation wird 90

Harald Martenstein

Von manchen Schauspielern bleibt ein Bild im Gedächtnis der Welt. James Dean ist in diesem Gedächtnis als einsamer junger Mann gespeichert, ein Typ in Jeans, auf regennasser Straße. Und zu Marilyn Monroe fällt den Menschen vermutlich noch in hundert Jahren ein U-Bahn-Schacht ein, aus dem der Wind bläst, und ein Rock, der deswegen hochflattert.

Bei den meisten deutschen Schauspielern tut man sich in dieser Hinsicht schwerer. Nicht bei Inge Meysel. ist eine zierliche Frau in Kittelschürze, nicht mehr jung, die in einer kleinen, schlichten Wohnung steht, ganz fest auf dem Boden. Sie kämpft mit den Tränen. Aber sie weint nicht. Sie ballt die Fäuste, denn sie hat eine Kämpfernatur. Großes Herz, großes Mundwerk. Zwar verfügt sie über Kulleraugen, süss, ein bisschen wie Giulietta Masina, aber das täuscht. Sie ist nicht schwach. Sie heißt Käthe Scholz und spielt die Mutter in der Familienserie "Die Unverbesserlichen". "Die Unverbesserlichen" läuft von 1965 bis 1971, immer eine Folge pro Jahr. Am Muttertag.

Dieses Bild also bleibt von Inge Meysel: eine deutsche Mutter in Kittelschürze, aber kein Heimchen am Herd, eher eine Tigerin. Dass sie im Laufe ihrer durchaus abwechslungsreichen Karriere dieses Bild nie wieder losgeworden ist, dieses Klischee von der Mutter der Nation, ist eine Last und trotzdem ihre größte Stärke. Denn mehr kann eine Schauspielerin nicht erreichen als das ewige Leben. Einen Platz im Gedächtnis der Deutschen. Mit Kittelschürze. Im irdischen Leben aber wird Inge Meysel heute 90 Jahre alt, lebt in Hamburg, spielt Rollen und gibt Interviews, meinungsfreudig wie eh und je.

"Die Unverbesserlichen" spiegelten die allmähliche Veränderung der Kräfteverhältnisse in den deutschen Familien. Die Patriarchen, die aus dem Krieg heimgekehrt waren, hatten sich nicht wieder erholt. Sie wirkten müde und ausgelaugt. Pro forma waren sie noch Familienoberhäupter, aber sie glaubten selber nicht mehr an ihre Herrschaft. Die Frauen wurden selbstbewusster, die Kinder wurden rebellischer, bald würden die Familienverhältnisse zu tanzen beginnen. "Die Unverbesserlichen" waren eine Serie, die das allmähliche Verdämmern der Nachkriegszeit schilderte, mit ihren Adenauer-Idealen, und Käthe Scholz war die Frau, die sich in jeder Folge einer Krise ihrer Familie erfolgreich entgegenstemmte, mit den Qualitäten einer modernen Top-Managerin. Nein, Käthe Scholz war kein Mutti-Typ, wie die Nazis ihn geliebt hatten. Käthe Scholz besaß durchaus etwas von der frechen Tatkraft, vom Witz und dem wie selbstverständlich emanzipierten Auftreten der Heldinnen aus den Screwball-Comedies der 30er Jahre. Allerdings war Mutter Scholz eine ganz und gar asexuelle Person.

Mit der Figur Käthe Scholz knüpfte Inge Meysel in der Zeit vor 1933 an. Das passt zu ihrer Biografie. Sie ist in Berlin geboren worden, Tochter einer Dänin und eines jüdischen Tabakhändlers, der den Krieg in einem Versteck überlebte. Als ihre Karriere als Schauspielerin gerade in Fahrt kam, wurde gegen sie als "Halbjüdin" ein Berufsverbot verhängt. Und als die Nazis besiegt sind, ist Inge Meysel schon 35 Jahre alt. Eine späte Anfängerin, der viel Lebenszeit gestohlen wurde und die nach den damaligen Maßstäben schon zu alt ist für die Rolle der Geliebten. So wird sie eben Mutter.

Inge Meysel spielt alles Mögliche, nicht nur Mütter, auch zwiespältige oder unsympathische Charaktere. Aber meistens ist sie eine Frau aus dem Volk. Eine resolute Person, das heißt: eine, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen läßt. Inge Meysel geht den Zuschauern so sehr ans Herz, weil sie ihre Sentimentalität immer nur ganz kurz zeigt. Rauhe Schale, weicher Kern - dieses Klischee trifft Inge Meysels Spiel nicht ganz. Denn manchmal wird sie weich, ganz und gar, dann weint sie, dann wird sie zärtlich, dann wird ihre rauhe Stimme ganz leise. Das sind fast immer große Momente.

"Volkssschauspielerin" ist das falsche Wort. Sie ist ein Star, obwohl es angeblich in Deutschland lange Zeit keine Stars gab. Ein Fernsehstar. Die Intellektuellen verlieren in Deutschland an Macht, als Deutungsinstanz, als Leitfigur, und die Fernsehstars übernehmen einen Teil dieser Macht: wann hat dieser Prozess begonnen? Inge Meysel spielt schon früh eine Rolle als öffentliche Person, eine politische Rolle, zu einer Zeit, als das in Deutschland bei den Fernsehstars noch nicht üblich ist. Inge Meysel bekennt sich gemeinsam mit anderen Frauen dazu, abgetrieben zu haben, in der Auseinandersetzung um den Paragraphen 218. Sie klagt, wieder gemeinsam mit anderen, 1978 gegen den "Stern", wegen angeblichem Sexismus. Sie lehnt das Bundesverdienstkreuz ab, weil es keinen Orden wert sei, dass jemand "sein Leben anständig gelebt hat". Von Selbstgefälligkeit ist so ein Satz wahrlich nicht frei, aber sie darf das. In letzter Zeit macht sie Werbung für die "Gesellschaft für humanes Sterben" und bekennt sich dazu, bisexuell zu sein. Angst davor, sich unbeliebt zu machen? Das kennt sie nicht. Zurückhaltung, Bescheidenheit, leise Töne? Alles nicht ihr Ding. Dass sie es geschafft hat, von so vielen geliebt zu werden, und trotzdem im Leben ziemlich wenige Kompromisse zu machen: das ist ein Signal. Es macht uns gewöhnlichen Hasenfüßen Mut.

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