Welt : Mach die Beuge

Power-, Lach- und Viniyoga – jeder macht, was er will

Adelheid Müller-Lissner

Madonna schwört auf Yoga, Supermodel Christy Turlington lässt sich dabei fotografieren, und neuerdings soll auch First Lady Laura Bush mit dem Üben begonnen haben. Bei mehr als zehn Millionen Amerikanern wird ihr das zusätzliche Sympathien einbringen. So viele geben einer Harvard-Studie zufolge an, regelmäßig Yoga zu praktizieren.

In Deutschland üben inzwischen drei Millionen Menschen, so schätzt der Indologe, Yogaforscher und Yogalehrer Christian Fuchs aus Bad Boll. „Deutschland ist im Westen hinter den USA führend.“ In Berlin wurde die erste moderne Yogaschule im Jahr 1937 von einem Exilrussen gegründet. Und die Tradition setzt sich fort: Bis Montag versammeln sich in Potsdam Yogalehrer und Interessenten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zu einem Kongress. Wer sucht sie nicht, die Einheit von Körper, Atem, Seele, Geist? Schon im Sanskrit-Wort Yoga, das mit „Joch“ verwandt ist und so viel meint wie „vereinen, verbinden“, klingt die Hoffnung darauf an. Mindestens so wichtig wie dieses Ziel ist aber in den pluralen, westlichen Gesellschaften, die die mehrtausendjährige indische Lehre und Praxis seit einigen Jahren so begierig aufgreifen, auch die Vielfalt der Wege, die dahin führen.

Fast jeder und jede kann inzwischen unter dem Stichwort Yoga etwas für sich finden: Von der eher sportlichen Variante über therapeutisches Üben und Entspannen bis hin zur Meditation. Dabei entstehen immer neue Formen wie Lach-Yoga, das besonders gut gegen Stress sein soll. In den westlichen Ländern ist aber auch das bewegungsorientierte Hatha-Yoga besonders verbreitet. „Power-Yoga“, das in den USA ausgesprochen beliebt ist, zieht inzwischen auch hierzulande inzwischen mehr junge Männer zwischen 20 und 30 an, wie Fuchs berichtet.

Insgesamt ist Yoga aber in Deutschland mit einer klaren Vierfünftel-Mehrheit noch eine Domäne der Frauen. Die werden, wie die Berliner Yogaexpertin, Buchautorin und Organisatorin des Kongresses Anna Trökes berichtet, vor allem durch Mundpropaganda informiert. „Es gibt nicht den Yoga, sondern ein großes Angebot unterschiedlichster Richtungen, Übungen und Konzepte“, resümieren die Ärzte Imogen Dalmann und Martin Soder, die das „Berliner Yoga Zentrum“ betreiben. Dort setzen sie auf „Viniyoga“, die individuelle Anpassung der Übungen und Konzepte.

Fuchs spricht von der westlichen „Umwandlung des Yoga für alltagstaugliche Nützlichkeiten“. Als Indologe sieht er diesen handfesten Umgang mit der alten Weisheitslehre in schicken Fitness-Studios und Wellness-Oasen „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“. „Die Zielperspektive des Yoga als Befreiungsweg ist dabei ein wenig verloren gegangen.“ Kritisch merken Dalmann und Soder andererseits an, in der Szene gebe es immer noch viel „Pseudospirituelles, Esoterisches und Exotisches“.

Das vor allem ist es, was Kritiker auf den Plan ruft. Auch aus den eigenen Reihen: „Wir müssen uns immer wieder mit dem falschen Bild auseinandersetzen, das im Westen zum Thema Yoga existiert. Ihn auf eine Meditationspose mit gekreuzten Beinen oder den Kopfstand zu reduzieren, führt ebenso in die falsche Richtung, wie wenn man ihn mit der hinduistischen Religion in Verbindung bringt“, sagt Dalmann. „Es hat sich aber inzwischen herumgesprochen, dass man nicht einer Sekte beitritt, wenn man einen Yogakurs macht“, sagt Anna Trökes. Yoga stellt weder enge weltanschauliche noch strenge akrobatische Anforderungen. Yoga bietet mehr Besinnlichkeit als Step-Aerobic, mehr Bewegung als die Meditation.

Wichtig ist es allerdings, an den richtigen Lehrer zu geraten. Eine vierjährige berufsbegleitende Ausbildung nach den Vorgaben des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland e.V. machen längst nicht alle, die Yoga unterrichten. Und der Beruf boomt: „Aus den 2000 Yogalehrerinnen und -lehrern, die meine Forschungen für 1988 ermittelt haben, dürften inzwischen an die 15000 geworden sein“, sagt Christian Fuchs. Unter den Lehrenden sind viele, die nur Vier-Wochen-Kurse absolviert haben. „Jeder Unterrichtende sollte die Frage nach seiner persönlichen Qualifikation zulassen“, fordert man beim Berufsverband.

Dass man es nicht mit selbst ernannten Gurus, sondern mit solide ausgebildeten Fachleuten zu tun hat, merkt man nach Ansicht von Dalmann und Soder am besten an einer offenen Atmosphäre, in der auch mal respektlose Fragen gestellt werden können. Der alte Gedanke des Yoga, dass man es selbst in der Hand hat, durch Körper- und Atemübungen das eigene Wohlbefinden zu verbessern, passt ausgesprochen gut zum modernen Vorsorge- und Rehabilitations-Konzept.

Der Kongress in Potsdam dauert bis Montag. Programm unter troekesyoga.de

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