Welt : Machtverlust kann Politiker krank machen

ANDREAS OSWALD

Viele Wähler machen sich überhaupt nicht klar, was sie mit ihrer Stimme alles anrichten.Die Abwahl der unionsgeführten Bundesregierung kann sich für die betroffenen Ministerinnen und Minister sowie den Bundeskanzler noch als ein schwerer Schlag herausstellen, wenn sie von einem Tag auf den anderen ihre hohe Verantwortung verlieren.Wenn Menschen in hohen Positionen ihre Aufgabe verlieren, können nach Angaben von Psychologen schwere Depressionen auftreten.Experten sprechen dabei von sogenannten Entlastungsdepressionen.

Die Betroffenen erleben sie als furchtbar.Sie fallen in ein schwarzes Loch, sie fühlen sich leer und empfinden das Leben als sinnlos.Die Qualen können so groß sein, daß es völlig unangemessen wäre, als Wähler der anderen Seite gar Schadenfreude zu empfinden.

Der Münchener Psychologe Stephan Lermer behandelt Politiker, hohe Manager und Spitzensportler."Sogenannte reaktive Depressionen entstehen, wenn jemand einen großen Verlust erleidet", erklärt er.Sie entständen, wenn ein Minister plötzlich das Gefühl hat, nicht mehr gebraucht und anerkannt zu werden, wenn das Blitzlichtgewitter ausbleibt, kein Fahrer mehr da ist und keine Staffel emsiger junger Sekretärinnen um ihn herumwirbeln."Bei Leuten wie Gesundheitsminister Seehofer komme hinzu, daß sie enorm engagiert waren und über großes Know How verfügten.Das liegt jetzt brach", sagt Lermer."Kohl hat sich voll auf die Macht konzentriert und daraus seine Anerkennung geschöpft", sagt der Psychologe.Es bestehe die große Gefahr einer tiefen Kränkung, wenn er das Gefühl habe: "Das Volk liebt mich nicht mehr".Kohl brauche jetzt eine Alternative, wo er die Anerkennung herbekomme.

In der Tat scheint Kohl in letzter Zeit für Gefühlsaufwallungen empfänglicher geworden zu sein und hat offenbar schwer an der Veränderung zu tragen.Auch Claudia Nolte scheint es nicht leicht zu haben.Sie hat einen steilen Aufstieg hinter sich, wurde mit 28 Ministerin.Jetzt ist sie 32, immer noch sehr jung und findet sich plötzlich jenseits der Macht.

Wie stark ein Mensch von Machtverlust getroffen wird, ist individuell sehr verschieden.Es hängt stark vom Persönlichkeitskern ab.Wichtig ist auch das übrige Umfeld.Haben die Betroffenen eine Familie, die es gutheißt, daß sie jetzt mehr gemeinsam mit dem sonst häufig Abwesenden unternimmt, ist der Verlust leichter zu verschmerzen.Auch intensive Hobbies sind von Vorteil.Beides hat Horst Seehofer: eine liebende Familie und eine riesige Märklin-Eisenbahn, an der er gerne herumbastelt.

Was können die Leidenden tun? "Bewußt Trauerarbeit leisten", sagt Lermer."Den Verlust beklagen, weinen, Tagebuch führen und drei Wochen Aktiv-Urlaub unternehmen", sagt er.Dann müsse ein Schnitt erfolgen.Neue Ziele müßten gefunden werden, die Energien müßten eine neue Adresse bekommen, neue Illusionen seien hierbei sehr hilfreich.Dann müßten Strategien für das weitere Leben entworfen werden.

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