• Mädchenmord in Emden: Polizei lässt Verhafteten frei : Verdächtigter ist unschuldig

Mädchenmord in Emden: Polizei lässt Verhafteten frei : Verdächtigter ist unschuldig

Der Tatverdächtige im Fall des Mädchenmordes ist entlastet und wieder auf freiem Fuß. Nun wird die Vorgehensweise der Polizei kritisiert. Unterdessen ist die 11-Jährige beigesetzt worden.

Fabian Morsch
Wenn die Nerven blank liegen. Der Tod der elfjährigen Lena hat die Menschen in Emden aufgewühlt. Hunderte versammelten sich zu friedlichen Trauermärschen. Beim Haftprüfungstermin aber rottete sich eine Menge zusammen, die den Verdächtigen lynchen wollte. Foto: dpa
Wenn die Nerven blank liegen. Der Tod der elfjährigen Lena hat die Menschen in Emden aufgewühlt. Hunderte versammelten sich zu...Foto: dpa

EmdenIm Fall des Emder Mädchenmords gibt es eine überraschende Wende. Nachdem am Donnerstag noch von einem „dringenden Tatverdacht“ gesprochen wurde, ließ die Polizei den 17-Jährigen am Freitag frei. „Aufgrund neuer Ermittlungsergebnisse steht fest, dass er als Täter auszuschließen ist“, erklärte eine Sprecherin. Dazu, wie die neuen Ergebnisse zustande kämen und ob es einen neuen Verdächtigen gebe, wollte sie aber nichts sagen. Die Staatsanwaltschaft habe nach neuen Erkenntnissen den Antrag gestellt, den Haftbefehl gegen den Berufsschüler aufzuheben.

Zuvor hatten sich vor der Emder Polizeiwache über 50 Menschen versammelt. Laut Kriminalrat Martin Lammers wollten diese „die Wache stürmen und den Verdächtigen lynchen“. Sie folgten damit dem Aufruf eines Facebook-Nutzers. Augenzeugen berichteten von Hassparolen wie „Hängt ihn auf!“ oder „Steinigt ihn!“, als der Verdächtige dem Haftrichter vorgeführt wurde. Erst nach mehreren Stunden habe die Versammlung aufgelöst werden können. Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) übte harsche Kritik an den Vorverurteilungen in sozialen Netzwerken. Dies sei nicht zu akzeptieren, sagte der GDP-Vorsitzende Bernhard Witthaut. Die aufgebrachte Menschenmenge hätte die Arbeit der Polizei behindert. Der Initiator der Lynch-Aufrufe solle „die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Es darf nicht toleriert werden, dass einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wildwestmethoden wiederbeleben zu dürfen“, sagte Witthaut.

Mord an einem 11-jährigen Mädchen
Am 20. August 2012 hatte vor dem Landgericht Aurich in Niedersachsen der Prozess gegen den 18-Jährigen begonnen, der die elfjährige Lena aus Emden vergewaltigt und ermordet haben soll.Weitere Bilder anzeigen
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20.08.2012 11:30Am 20. August 2012 hatte vor dem Landgericht Aurich in Niedersachsen der Prozess gegen den 18-Jährigen begonnen, der die...

Der Kriminologe Christian Pfeiffer ist der Meinung, dass die Aufregung vermeidbar gewesen wäre. „Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht“, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Verdachtsmomente seien nicht ausreichend gewesen, um den Täter öffentlich in Handschellen vorzuführen. Dieser habe „den blanken Horror erlebt“. Die Polizei habe damit rechnen müssen, dass sich Name und Adresse des Inhaftierten schnell im Internet verbreiten würden. Das Vorgehen der Polizei sei mit der Unschuldsvermutung nicht vereinbar, die Verantwortlichen müssen sich dafür entschuldigen, sagt Pfeiffer.

Der Verdächtige wurde beschuldigt, am Samstagabend die elfjährige Lena in einem Parkhaus sexuell missbraucht und getötet zu haben. Ein 15-jähriger Schüler meinte am Dienstag, den Verdächtigen am Schritt erkannt zu haben. Auf Videosequenzen einer Überwachungskamera war ein Mann zu sehen, der zur Tatzeit durch das Parkhaus ging. Bei der Vernehmung des 17-jährigen Berufsschülers verwickelte sich dieser laut Polizei zunehmend in Widersprüche. Auch habe ihm ein Alibi zur fraglichen Zeit gefehlt. Deshalb erließen sie am Mittwochabend Haftbefehl gegen ihn. Am Freitag schließlich konnte die Polizei eine Täterschaft definitiv ausschließen.

Am Freitagmittag wurde das Mädchen im engsten Familienkreis beerdigt. Pastor Manfred Meyer sagte in seiner Predigt: „Wir verlieren ein besonderes Mädchen, das von seiner Familie geliebt und von vielen anderen Menschen in der Stadt geachtet wurde. Lena wird uns fehlen und eine Stadt, eine ganze Region trauert mit der Familie.“ Die Polizei hatte während der Beisetzung alle Eingänge zum Friedhof gesperrt. So könne die Familie in aller Ruhe Abschied von Lena nehmen. Die Polizei muss ihre Ermittlungen nun fortsetzen. „Unsere Ermittlungen gehen in alle Richtungen. Wir sind zuversichtlich, den Täter des Morddelikts zu finden“, sagte Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck. Über 170 Hinweise aus der Bevölkerung sollen der 40-köpfigen Mordkommission dabei helfen, den Täter zu fassen. Weiterhin erbittet die niedersächsische Polizei sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Täters. Die Stadt Emden hat 10 000 Euro Belohnung ausgeschrieben. (mit dpa/dapd/epd)

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