Männer und Frauen : Die fremde Tochter

Sie war 15, und er hoffte, sie hätte Drogen genommen. Doch die Ärzte sagten: Sally ist manisch-depressiv. Der Autor Michael Greenberg über das Leben mit seiner kranken Tochter.

Interview: Björn Rosen
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Michael Greenberg und seine Tochter wenige Jahre, bevor Sallys Krankheit ausbrach.Foto: Hoffmann & Campe

Mr. Greenberg, am 5. Juli 1996 erkannten Sie Ihre damals 15-jährige Tochter plötzlich nicht mehr wieder. Was geschah an diesem Tag?


Sally lief durch die Straßen von Manhattan, versuchte Autos zu stoppen, redete aufgeregt auf Wildfremde ein. Sie hatte auf einmal diese Vision, dass sie die ganze Menschheit retten könnte, wenn wir nur verstünden, dass alle Kinder Genies sind. Die Polizei brachte sie zurück in unser Apartment. Ich hatte Sally noch nie so erlebt, dachte, sie hätte Drogen genommen. Im Krankenhaus erklärte man uns dann, sie sei manisch-depressiv und müsse in die geschlossene Abteilung.

Ihre Tochter war überzeugt, völlig gesund zu sein. Sie warf Ihnen vor, Sie wollten sie wegsperren.

Es war furchtbar. Ich musste mir eingestehen, dass selbst ich als Vater ihr nicht mehr helfen konnte. Dass sie in diesen abgeschlossenen Teil der Welt gehörte, weil sie eine Gefahr für sich selbst war. Die Diagnose der Ärzte lautete: Bipolar-1-Störung. Das Suizidrisiko bei dieser Erkrankung ist hoch.

Eine Ursache solcher Krankheiten sollen Erbanlagen sein. Sallys Onkel Steve hatte schon lange psychische Probleme. Ahnten Sie, dass es auch Sally treffen könnte?

Nie! Mein Bruder Steve war von Kindheit an einsam: unfähig zu handeln oder mit anderen zu kommunizieren. Sally dagegen ging aus sich heraus, besaß viele Freunde. Wir hatten immer ein sehr enges Verhältnis. Als sie ein kleines Mädchen war, waren wir beide fanatische Fans von Babar, dem Elefanten – das ist ein französisches Kinderbuch. Wenn uns die Geschichten ausgingen, haben wir einfach neue erfunden! Nach meiner Scheidung lebte Sally kurz bei ihrer Mutter, dann aber wieder bei mir.

Sie selbst sind mit vier Brüdern groß geworden, in einer „halb verwilderten Männeratmosphäre“, wie Sie schreiben.

Als Sally auf die Welt kam, dachte ich: Endlich habe ich die Chance zu verstehen, wie Frauen wirklich sind. Am schwierigsten zu begreifen war für mich natürlich Sallys Verhältnis zum eigenen Körper. Als ihre Menstruation einsetzte, wollte sie unbedingt reden – ich hatte Probleme damit, aber das amüsierte sie nur. Als Kind liebte Sally Tiere und ältere Menschen, konnte stundenlang ein Baby im Arm halten. Sie besitzt eine unglaubliche Sensibilität, die ich so nie kannte. Aber sonst haben wir viel gemeinsam.

Zum Beispiel?

Unsere Energie und das Bedürfnis, uns anderen mitzuteilen. Während ihrer Manie konnte sie diese Kräfte nicht mehr kontrollieren: Sie war voll Überschwang, redete wie ein Wasserfall, tausende Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Die positiven Eigenschaften, die ich ihr mitgegeben habe, wendeten sich gegen sie.

Fühlen Sie sich schuldig?

Ich habe mich schuldig gefühlt, ja. Ich konnte nicht mehr schlafen und blieb selbst dann nüchtern, wenn ich viel getrunken hatte. Ich fragte mich: Habe ich sie verletzt? Habe ich nicht genug Liebe gegeben? Aber ich fand keine Erklärung. Heute denke ich, dass psychische Krankheiten einfach ein Teil des menschlichen Spektrums sind. Es gab sie schon immer, und doch sind sie ein Rätsel geblieben. Auch die Psychiater wissen wenig.

Klar scheint, dass bei Kranken der Hirnstoffwechsel durcheinandergeraten ist.

Sally bekam deshalb Medikamente, die Dopamin hemmen, einen Botenstoff, der die geistige und physische Beweglichkeit fördert. Das machte sie sehr ruhig, lähmte aber auch ihre Bewegungen. Als sie nach drei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie immer noch krank, stand noch stark unter dem Einfluss von Medikamenten. Ich konnte kaum ein Gespräch mit ihr führen. Ich hasste ihre Wahnvorstellungen …

… Sally monologisierte wirr über ihren künftigen Ruhm und fühlte sich von einer Nachbarin verfolgt …

… ich wollte meine Tochter zurück! Wir erlaubten ihr nach und nach längere Spaziergänge und achteten unter anderem darauf, dass sie genug schlief. Außerdem besuchte sie regelmäßig eine Psychiaterin. Irgendwann sagte sie: „Ihr habt mir das Leben gerettet.“ Da wusste ich, dass sie wieder bei uns war. Es brauchte aber insgesamt sechs Monate, bis sie ihre alte Lebendigkeit wiedergefunden hatte. Schon nach drei Monaten ging sie zur Schule; die Sommerferien waren vorbei.

Was erzählte sie ihren Mitschülern?

Anfangs nichts. Sie war durch die Medikamente dicker geworden, aber mit 15 verändern sich alle Mädchen. Ich wollte Sallys Problem geheimhalten, denn für manche Leute sind psychische Krankheiten ein Stigma. Sie haben Angst davor – und ich verstehe das. Sally selbst bestand dann darauf, es ihren Freunden zu erzählen. Sie haben positiv reagiert.

In Ihrem Buch schildern Sie die Ereignisse des Sommers 1996 detailliert. Haben Sie Tagebuch geführt, um sich abzulenken?

Ich führe immer Tagebuch, aber damals habe ich mehr geschrieben als sonst: 400 Seiten in zweieinhalb Monaten. Schreiben ist eine Möglichkeit, von außen auf die eigene Person, die eigenen Probleme zu schauen. Die meisten machen jedoch den Fehler, über ihre Gefühle zu schreiben, und gehen dabei verloren, weil sie keine Worte finden. Auch ich war überwältigt von Verzweiflung und Schmerz. Also habe ich nur über objektive Tatsachen Buch geführt: über das Wetter oder den Blick aus einem Fenster.

Was hat Sie am meisten geängstigt?

Dass Sally sehr weit weg zu sein schien. Es war eine einsame Zeit – für mich und für sie. Die Krankheit ist wie eine Okkupation des Körpers durch fremde Mächte. Aber immerhin endet diese Besatzung nach gewisser Zeit. Als Sally wieder klar denken konnte, hatte sie das meiste vergessen. Sie erzählte mir, dass es ihr während ihrer manischen Phase schien, als sehe und verstehe sie alles so gut wie nie zuvor. Psychosen haben etwas Verführerisches, weil der Betroffene glaubt, das Zentrum der Welt zu sein.

Sie vergleichen die Krankheit mit einer Naturgewalt: „verheerend, auf ihre Weise aber auch grandios“. Ist das nicht eine Verharmlosung?

Nein, denn sie war wirklich wie ein Sturm, der unsere Familie mit sich riss. Fast wäre meine zweite Ehe daran zerbrochen. Die Plötzlichkeit, mit der die Krankheit in unser Leben trat, gibt mir eine Ahnung davon, wie wenig wir über die Welt wissen, ja nicht mal über unsere Nächsten. Das erschreckt und erstaunt mich.

Albert Einstein besuchte seinen psychisch kranken Sohn Eduard kein einziges Mal in über 20 Jahren. Verstehen Sie Eltern, die überfordert sind mit so einer Situation?

Nein, aber ich kenne einige solcher Fälle. Ich vermute, Einstein hatte Angst, selbst verrückt zu werden. Unter großen Wissenschaftlern, Musikern und Poeten gibt es viele psychisch Kranke.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Sally durch die Krankheit verändert?

Ich musste begreifen, dass es nicht unbedingt ein Symptom für eine neue manische Phase ist, wenn sie mal sehr euphorisch wirkt. Anfangs war es schwer, sie nicht nur als psychisch Kranke zu sehen.

Bipolar-Störungen sind chronisch. Auch bei Sally kehrte die Manie in den vergangenen Jahren mehrmals zurück.

Ich habe Angst vor diesen Rückfällen. Aber Sally weiß damit umzugehen, mit nur 27 ist sie schon eine Veteranin vieler Kriege. Sie hat einen guten Highschool-Abschluss gemacht, lebt jetzt auf dem Land, arbeitet auf einer Farm und hat viele Freunde. Momentan geht es ihr gut. Wir telefonieren täglich, gerade hat sie mir erzählt, dass sie frisch verliebt ist. Manchmal macht sie sich Sorgen, etwa wenn sie nachts aufgeblieben ist, um ein Buch zu lesen. Dann fragt sie: War es, weil ich es so interessant fand oder weil ich wieder manisch werde? Sie sagt, sie könne die Krankheit kommen fühlen, sie sei dann wie elektrisch aufgeladen.

Werden Sie Ihre Tochter jemals loslassen können wie andere Väter?

Je unabhängiger sie ist, desto glücklicher bin ich. Ich wohne in der Nähe der Columbia University. Als Sally 17 oder 18 war, hat mich der Anblick der Studentinnen dort traurig gestimmt. Ich dachte: Diese Mädchen sind auf einem guten College, können mit dem Stress umgehen, haben ein Liebesleben – für sie ist alles so einfach, wie es für Sally nie einfach sein wird. Aber das war bloß Selbstmitleid. Inzwischen habe ich gelernt, Sallys Leben so zu akzeptieren, wie es ist, nicht wie ich es mir für sie ausgemalt hatte.

Michael Greenberg: „Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde“ (Hoffmann & Campe, 288 Seiten, 19,95 Euro).


Mindestens zwei Millionen Deutsche leiden an einer Bipolaren Störung (oder manisch-depressiven Erkrankung). Zwischen den Krankheitsphasen können sie meist ein normales Leben führen. In akuten Phasen sind sie dagegen von extremen Stimmungsschwankungen betroffen. Bei der Bipolar-1-Störung folgt auf eine manische mindestens eine depressive Episode, bei der Bipolar-2-Störung wechseln sich Depressionen mit schwächeren Formen der Manie ab. In der Manie sind Antrieb und Stimmung gesteigert: Die Betroffenen schlafen wenig, reden viel, verlieren ihre Hemmungen und entwickeln Wahnideen. In der Depression leiden sie unter Schwermut, Ängsten und Müdigkeit. Infos gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (
www.dgbs.de).

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