Welt : Mafia-Jäger: Der Mann, von dem es kein Foto gibt

Werner Raith

Wie der Mann mit dem merkwürdigen Namen "Ultimo" aussieht, davon haben die Italiener eine präzise Vorstellung: hochgewachsen, schlank, schmales, melancholisches Gesicht mit sanften blauen Augen, kurzgeschnittenes lockiges Haar - mit einem Wort: wie Raoul Bova, Italiens derzeit beliebtester und begehrtester Polizisten-Darsteller (bekannt seit seinem Einsatz in den letzten Folgen von "Allein gegen die Mafia"). Tatsächlich hat Bova 1998 in einem Fernseh-Zweiteiler eben diesen "Capitano Ultimo" auch gespielt - jenen Carabinieri-Hauptmann, der 1993 mit seinem "Reparto operativo speciale" (ROS) in Palermo den obersten Boss verhaftet hat, Salvatore Riina.

Der hat dem Hauptmann nach seiner Festnahme Höllenqualen an den Hals gewünscht, und lange Zeit hat sich dieser Wunsch auch erfüllt. Denn was dem Carabinieri-Offizier inzwischen passiert, ist so recht ein Lehrstück dafür, wie das Land mit seinen erfolgreichen Mafia-Jägern umgeht.

"Ultimo" ist gleichzeitig der berühmteste Carabiniere Italiens und der unbekannteste. Den Namen hat er sich im Zuge der verdeckten Einsätze gegeben. Alle seine Mitarbeiter bekamen Nummern - "Primo", "Secondo", "Terzo" usw. - um ihre Identität nicht zu verraten; er selbst nannte sich "Letzter", "Ultimo". Bis heute gibt es in der Öffentlichkeit kein Foto von ihm, auch wie er in Wirklichkeit heisst, wird geheimgehalten.

Physisch gleicht er Berichten zufolge seinem Film-Darsteller Bova nur insofern, als auch er schlank und durchtrainiert ist (wenn auch kleiner), aber er wirkt weder sexy noch durchgestylt. Seine Mähne ist zu einem Pferdeschwanz gebündelt.

Im Herbst 1992, nachdem kurz hintereinander der frühere weltweit bekannte Antimafia-Ermittler Giovanni Falcone und sein Nachfolger Paolo Borsellino ermordet worden waren und die Regierung unter schweren Druck geriet, bekamen die ROS den Auftrag, mit allen Kräften nach untergetauchten Bosse zu suchen. Oft genug lebten diese in aller Gemütlichkeit in Palermo und Umgebung, machten ausgedehnten Fahrten oder sogar Spaziergänge durch die von ihnen beherrschten Viertel - die Polizei bekam angeblich nie etwas davon mit. Von Oberboss Riina existierte nur ein uraltes Foto, wie er inzwischen aussah, war unbekannt. Doch dann gelang es Ultimo, den kurz zuvor verhafteten ehemaligen Chauffeur des Capo umdrehen: Balduccio di Maggio.

Er drückte Riinas Gesicht in den Staub

Der Mann sah sich Hunderte von Videoaufzeichnungen und Fotos an. Ende 1992 erkannte der Überläufer vor einem Gebäude Riina, an dem die Beschatter die Frau und den Sohn des Bosses regelmäßig aus den Augen verloren hatten.

Doch es dauerte noch bis zum 15. Januar 1993, ehe sich die Gelegenheit zum Zugriff ergab: Riina ließ sich zur Kirche chauffieren. Ultimo ließ Riina erst ein paar Kilometer zurücklegen (es sollte nicht so aussehen, als hätte man das Versteck entdeckt, um möglicherweise noch andere Bosse und fangen zu können), dann blockierte das Kommando den Wagen, Ultimo riss Riina aus dem Wagen, zwang den bis zu diesem Zeitpunkt mächtigsten Herrscher des Untergrunds mit dem Gesicht auf den Boden, durchsuchte ihn und legte ihm Handschellen an - eine derart demütigende Prozedur, dass Riina unverzüglich aus dem Gefängnis heraus anordnete, den Mann umzubringen.

Die Regierung brüstete sich, der Generalstab der Carabinieri triumphierte, die Staatsanwälte lobten ihr Ermittlungssytem - nur Capitano Ultimo blieb aussen vor. Bis dann 1998 der Film mit Bova nicht nur die Bravour Ultimos zeigte, sondern auch die Eifersüchteleien und Intrigen enthüllte, die es im Vorfeld zwischen Polizei und Carabinieri, der Staatsanwaltschaft, der Politik und auch innerhalb der Carabinieri-Führung selbst gegeben hatte. Und da begann der Leidensweg des Helden.

Zuerst wurde er wegbefördert - zum Major ernannt und zur Umweltschutz-Abteilung versetzt, die traditionell ein eher kümmerliches Dasein fristet. Ultimo vermutete hinter der Versetzung eine Sabotage seiner Arbeit und zeigte Vorgesetzte wegen "Unterlassungen, die der Mafia direkt nützen" an - was ihm nun Ende 2000 die Drohung mit einer strafrechtlichen Verfolgung durch sein eigenes Carabinieri-Generalkommando eingebracht hat.

Es ist durchaus möglich, dass Ultimo, dessen großes Vorbild der 1982 von der Mafia ermordete Carabinieri-General Dalla Chiesa ist, mitunter Gespenster sieht und - manchmal auch berechtigte - Kritik an seinen Methoden für eine Isolationsstrategie seiner Feinde hält. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass die Gespenster so irreal nicht sind. Manches spricht dafür, dass sich zumindest Teile der Staatsapparates mit der Mafia arrangiert haben: diese - geführt inzwischen wohl von dem Cosa-Nostra-internen Widersacher Riinas, Bernardo Provenzano - hat spektakuläre Attentate deutlich reduziert und lässt die Repräsentanten des Staates ganz in Ruhe; dafür hat die Energie in der Strafverfolgung deutlich nachgelassen. Einer wie Ultimo würde da mit weiteren Verhaftungen nur das neue Gleichgewicht stören.

Die BSE-Mafia

Dennoch könnte es sein, dass da alle die Rechnung ohne ihren Ultimo gemacht haben: plötzlich nämlich steht der Mann wieder im Zentrum. Im Zusammenhang mit der BSE-Krise haben sich schwerkriminelle Banden gebildet, die millionenschweren Profit aus der Malaise ziehen - die "Ökomafia". Sie besorgt illegale Tierkörperbeseitigung, damit die Herde weiter als "BSE-frei" gilt, liefert verbotenes Kraftfutter unter gefälschten Etiketten, führt nicht mehr verkäufliches Fleisch aus, besticht Veterinäre und Kontrolleure. Fälle, um die sich just die "Ökopolizei" kümmern muss - zu der man Ultimo abgeschoben hatte.

So ist der Mann ohne Gesicht plötzlich wieder ein unersetzbarer Hoffnungsträger. Und die mit der Ökomafia verbandelten Politiker und Administratoren überlegen, wie man den Mann wieder kaltstellen kann.

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