Mafia-Mord in Duisburg : Jagten die Killer einen Mörder?

Selbst Experten sind über die Bluttat mit sechs Toten in Duisburg entsetzt. Sie sprechen vom bislang blutigsten Anschlag der italienischen Mafia in Deutschland. Eines der Opfer war möglicherweise selbst in einen Mord verwickelt.

Duisburg
In der Nähe des Restaurants "Da Bruno" wurden in Duisburg sechs Italiener hingerichtet. -Foto: ddp

Duisburg Mordanschlag im Mafia-Milieu: Ein Killer-Kommando hat am Mittwoch in Duisburg sechs Italiener kaltblütig erschossen. Die italienische Polizei stufte die Tat als Teil einer Fehde rivalisierender Mafia-Familien ein, die bereits seit 1991 andauert. Eines der Opfer war nach den Worten des italienischen Innenministers Giuliano Amato möglicherweise in einen Mord in seiner kalabrischen Heimat verwickelt. Die Duisburger Polizei wollte dies zunächst nicht bestätigen. Man ermittele in alle Richtungen, sagte ein Polizeisprecher.

Im Kugelhagel starben Jugendliche und Männer im Alter zwischen 16 und 38 Jahren, von denen fünf verwandt waren und aus der Ortschaft San Luca in Kalabrien stammten - der Hochburg der mächtigen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Zwei der Männer waren erst vor wenigen Wochen nach Deutschland gekommen und hatten bei ihren Verwandten gewohnt.

Eines der Opfer könnte in seiner Heimat selbst in einen Mord verwickelt gewesen sein. Der Mann sei vermutlich nach Deutschland geflohen, "um sich zu bewaffnen und zu verteidigen", sagte der italienische Innenminister Giuliano Amato. Doch "diejenigen, die Rache üben wollten, erreichten ihn eher als die Justiz", fügte er hinzu. Amato nannte dabei allerdings keinen Namen und keine weiteren Einzelheiten.

Tödliche Schüsse in der Nacht

Die tödlichen Schüsse fielen um 2:30 Uhr vor dem italienischen Restaurant "Da Bruno" in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofes. Überwachungskameras zweier Großunternehmen zeichneten möglicherweise die Tat auf, die Auswertung der Videos ist noch nicht abgeschlossen.

Die Art der Liquidierung lege einen Racheakt der Mafia nahe, sagte der Mafia-Experte und Publizist Jürgen Roth. "In dieser Größenordnung hat es das hierzulande noch nicht gegeben." Duisburg sei auch nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts als Stützpunkt der Clan-Familien bekannt. Anfang der 1990er Jahre habe es dort mehrere Ermittlungsverfahren gegen Clan-Angehörige wegen internationalen Drogenhandels gegeben. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisierte die internationale Zusammenarbeit der Polizei. "Wenn man nach der Tat so schnell quasi auf Knopfdruck alle Informationen zu den Opfern aus Italien bekommen kann - wieso gab es die Hinweise nicht schon vor der Tat hier bei der deutschen Polizei", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen.

Autos von Kugeln durchsiebt

Die sechs Opfer waren Mitarbeiter und Inhaber des Restaurants und hatten dort den Geburtstag eines 18-jährigen Auszubildenden gefeiert, des einzigen Opfers, das nicht zur Großfamilie gehörte. Die sechs Männer hatten das Lokal abgeschlossen und saßen unbewaffnet in zwei Autos, als die Mörder - vermutlich zwei Männer - das Feuer eröffneten und die Wagen mit Pforzheimer und Duisburger Kennzeichen "mit einer Vielzahl von Kugeln" durchsiebten, wie die Polizei berichtete.

Auch die Opfer wiesen "eine Vielzahl von Einschüssen auf", die Obduktion ihrer Leichen werde vermutlich mehrere Tage dauern. Ob die Killer mit Maschinenpistolen schossen, müssten die Untersuchungen der am Tatort entdeckten Kugeln und Geschosshülsen noch ergeben.

Nach Polizeiangaben in Rom soll es sich bei den verfeindeten Mafia-Clans um die Familien Pelle-Romeo und Strangio-Nirta handeln. Der Inhaber des Duisburger Restaurants trug den Namen Strangio. Beide Clans sollen der 'Ndrangheta, dem kalabrischen Arm der Mafia angehören, der mit einem geschätzten "Jahresumsatz" von 35 Milliarden Euro als eine der mächtigsten Mafia-Organisationen Europas gilt.

Spezialgebiet: Kokain

Als Spezialgebiet der 'Ndrangheta gilt der Kokainhandel. Inoffiziellen Angaben italienischer Ermittler zufolge besteht die 'Ndrangheta aus etwa 100 Familienclans mit 7000 Mafiosi. Die traditionell mächtigsten Familien stammten aus San Luca. 160 Angehörige der Clans aus San Luca sollen sich in Deutschland niedergelassen haben.

In der Nähe des Tatorts wurden zwei Männer gesehen. Sie sollen nach Zeugenangaben schnell vom Tatort weggerannt sein. Weitere Aufschlüsse erhofft die Polizei von der Videoauswertung der Überwachungskameras und von weiteren möglichen Zeugen. Im Bereich der Tatzeit seien noch Menschen und Autos auf der Straße unterwegs gewesen.

Fünf der Opfer waren sofort tot, der sechste Mann starb trotz Wiederbelebungsversuchen. Eine Passantin hatte die Schüsse gehört und eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife angehalten. Die Beamten waren sofort zum Tatort geeilt und hatten im Umkreis von 30 Kilometern Großalarm ausgelöst.

Am Mittwochvormittag vernahmen die Beamten die Angehörigen der Opfer, machten aber aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben zu deren Aussagen. Die Autos, mit denen die sechs Männer unterwegs waren, wurden von Experten der Spurensicherung unter die Lupe genommen. Ein Lieferwagen gehörte zum Restaurant. Das zweite Auto mit Pforzheimer Kennzeichen war ein Mietwagen. (mit dpa)