Welt : Mafia-Nachwuchs: Vorbild Killer

Werner Raith

Sein grösstes Vorbild? Sandro zögert keinen Augenblick: "Pasquao pazzo". Pasquale, den sie "den Verrückten" nennen? "Der ist nicht verrückt, der tut nur so", sagt Sandro im Ton eines lebenserfahrenen Veteranen. Sandro aus Ercolano vor den Toren Neapels ist noch nicht einmal zwölf Jahre alt, aber Pasquale, der aus dem berüchtigten Camorra-Viertel Secondigliano stammt, ist ein Verwandter von ihm und innerhalb der Familie so etwas wie eine Legende.

Er sei vor Jahren, weiss Sandro, sogar von einer Illustrierten portraitiert worden, als halbwüchsiger Revolverheld, der mit seiner P 38 auf fünfzehn Meter Entfernung reihenweise Flaschen umschoss oder Dosen durch die Luft fliegen liess. Mittlerweile hat er offenbar nicht mehr nur auf Flaschen gezielt und sitzt wegen schwerer Körperverletzung und mehrfachen Mordversuches zehn Jahre Haft ab. "Macht nichts", sagt Sandro, "wenn der wieder rauskommt, meint mein Vater, dann ist er hier der Größte." Fest steht jedenfalls, "dass dieser Pasquale tatsächlich schießen kann wie Billy The Kid", so einer der Carabinieri, die ihn seinerzeit festnahmen. Seine Bluttaten beging er meist im Zuge von Schutzgelderpressungen - wer kein Geld gab, wurde angeschossen - oder während Feldzügen gegen fremde Clans, die in die Pfründe der damals noch mächtigen Camorragruppe um Carmine Alfieri einzudringen versuchten.

Das Wort "Chef" von Deutschen gelernt

Weil er vor Gericht einige Male davonkam, indem er sich als verrückt ausgab, bekam er seinen Beinamen. Und sich so verstellen wie Pasquale kann auch Sandro schon - unvermittelt kann er aus der Pose des schießwütigen Bandidten in die des braven Messdieners verfallen.

Revolverhelden wie Pasquale gibt es hier in den Vororten Neapels viele; zum Vorbild werden einzelne, wenn sie, wie eben "der Verrückte", sich "einfach nie etwas gefallen lassen - nur das ist wichtig", weiss Sandro. Als der Clanboss Carmine Alfieri verhaftet wurde und - ausgerechnet er, das Oberhaupt der Gangsterbande - zu "singen" begann, verriet er auch "Pasquao pazzo". Im Knast aber verschaffte sich Pasquale bei einigen Schlägereien und den üblichen Messerstechereien sofort wieder grossen Respekt. "Der ist überall, wohin er kommt, der Chef", sagt Sandro.

Das sonst in Neapel nicht gebräuchliche Fremdwort "Chef" hat er von deutschen Touristen: Wenn er nicht gerade Schießen übt oder Botengänge für einen kleinen oder grösseren Boss übernimmt, macht er Führungen in den Ausgrabungen von Herkulaneum, und weil er sich dabei gerne in die Brust wirft und "all ier-er" (alle hierher) kommandiert, hat ihm ein Besucher mal als "Chef" tituliert. Sandro hat der mitschwingenden Hochachtung entnommen, dass das eine wichtige Führungsposition bedeutet und benutzt das Wort nur bei ganz wichtigen Personen.

Der kleine Neapolitaner ist keineswegs der einzige, der so werden will wie Pasquao pazzo. In den 70er Jahren war der damalige Super-Boss Raffaele Cutolo auf die Idee gekommen, strafunmündige Kinder zu Killern auszubilden - die taten, was man ihnen auftrug, freuten sich über den Schrecken, den sie verbreiteten, und viele Väter waren zufrieden über die zweihunderttausend Lire (damals 500 DM), die es bei Zufriedenheit der Bosse gab.

Wurden sie erwischt, kamen die Jungen allenfalls in ein Heim, aus dem die Camorra ihnen bald ausbüchsen half. Heute geht die Polizei von einem jederzeit für derlei "Aufträge" bereiten Reservoir von zwei- bis dreitausend Jungen unter 14 aus.

Aber auch für viele Burschen aus nicht-camorristischen Familien sind heute bestimmte Bosse alleiniges Vorbild, ihr Ziel ist meist der Aufbau einer "eigenen" Bande. Vorbei sind längst die Zeiten, in denen man von einer Fussballerkarriere a la Maradona träumte: viele neapolitische Jungen glauben, dass auf dem "normalen" Pfad und im legalen Geschäft nichts aus ihnen werden kann. "Nur Camorristen sind wer", sagt Sandro, und wie verbreitet diese Einschätzung ist, zeigen Aufsätze von neapolitanischen Schülerinnen und Schülern - mehr als zwanzig Prozent schrieben, dass man heutzutage nur Camorrabosse als "richtige Kerle" ansehen könne. Einige Jahre lang war das ein wenig anders - als der mittlerweile schon legendäre Antonio Bassolino 1994 Bürgermeister wurde und neben die reine Repressionspolitik des Staates ein Sanierungsprogramm für all jene durchzog, die auf Grund etwa der massiven Verfolgung des Tabakschmuggels arbeits- und brotlos geworden waren.

Schnee von gestern: Die Sparpolitik der Regierung und erlahmendes öffentlichen Interesse haben viele Projekte der Behörden gestoppt, und nachdem sich die Bosse "ihre" Stadt wieder unter den Nagel gerissen haben, sehen auch die Schuljungen wieder zu ihnen auf.

"Es gibt kein Viertel mehr, das die Camorra nicht beherrscht", stellt "il Mattino" verbittert fest, "la Repubblica" sieht "vollendete Anarchie" in der Stadt. Der gerne mit "sofortigen Lösungen" hantierende Innenminister Enzo Bianco muss sich mittlerweile auch aus seiner eigenen Koalition vorhalten lassen, dass die vor drei Monaten emphatisch angekündigte "Operazione Golfo" (benannt nach dem Golf von Neapel) mit der Entsendung von fünfhundert Spezialagenten absolut nichts gebracht hat: Mehr als hundert Morde zählt man alleine in Neapel seit Beginn des Jahres, fast noch einmal so viel in der Region Campania, und gut 150 Personen aus dem camorristischen Dunstkreis sind spurlos verschwunden, manche davon wohl auch umgebracht.

Zweijähriges Mädchen getötet

Immer öfter kommen Unbeteiligte um: Anfang November starb ein zweijähriges Mädchen während einer Schießerei, tags darauf wurde eine unbeteiligte Frau in ihrem Wagen angeschossen. Manche dieser Verbrechen schreiben Ermittler auch "Trittbrettfahrern" zu, die Rechnungen begleichen und hoffen, es werde alles der organisierten Kriminalität angelastet. Aber mehr als zwei Drittel der Morde gehen eindeutig auf camorristische Täter zurück.

Die tödlichen Perspektivenstören Sandro ganz und gar nicht. "Man muss nur schneller sein als die anderen" meint er altklug. In einem Kellerloch nicht weit von der "Piazza" Ercolanos hat er neben ein paar Luftpistolen, Wurfsternen, Messern auch eine Beretta-Armeepistole gebunkert - erzählt er jedenfalls, und Freunde von ihm nicken bestätigend: die Beretta soll sogar aus dem ehemaligen Fundus von Pasquao pazzo stammen. Die Weichen, so scheint es, sind auch für Sandro gestellt. Fehlt nur noch der Beiname.

Aber den, so weiß er, "muss man sich erst verdienen".

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