Mafia-Prozess : Wurde der "Bankier Gottes" ermordet?

Eines der dunkelsten Kapitel der italienischen Kriminalgeschichte soll ans Licht gebracht werden: 23 Jahre nach dem mysteriösen Tod des Bankiers Roberto Calvi unter einer Themsebrücke in London hat in Rom ein Aufsehen erregender Mordprozess begonnen.

Rom - Angeklagt sind der so genannte «Kassierer der Mafia» Pippo Calo sowie vier Beschuldigte, darunter der ehemalige Bodyguard des Toten, ein italienischer Geschäftsmann und seine aus Österreich stammende Ex-Freundin.

Als Hintergrund des Verbrechens vermutet die Staatsanwaltschaft Geldwäscheaktivitäten der Mafia. Immer wieder war von düsteren Machenschaften der berüchtigten Geheimloge P2 samt Verstrickungen von Politik und Kirche die Rede. «Wenn mir etwas zustößt, muss der Papst zurücktreten», soll Calvi kurz vor seinem Tod gesagt haben.

Calvi, der wegen seiner engen Kontakte zur Vatikanbank den Beinamen «Bankier Gottes» erhielt, hatte das Mailänder Geldinstitut Banco Ambrosiano in den Ruin geführt. 1982 wurde er erhängt in London entdeckt, seine Taschen sollen mit Geldscheinen und Dokumenten voll gestopft gewesen sein. Zunächst stocherten die Fahnder im Nebel, immer wieder gab es Zweifel an der Selbstmordthese, erst eine Exhumierung der Leiche brachte dann neue Ermittlungen ins Rollen.

Die Justiz vermutet, Calvi habe zu viel von schmutzigen Geschäften der Banco Ambrosiano und der Vatikanbank IOR (Istituto per le Opere di Religione) gewusst. «Calvi sollte für immer der Mund geschlossen werden, weil er alle Geheimnisse der Geldwäsche der Mafia durch die Banco Ambrosiano und die Vatikanbank wusste», berichtete die Zeitung «La Repubblica» (Rom) vor einiger Zeit. Die Mafia habe damals befürchtet, der wegen der Bankpleite bereits schwer in Bedrängnis geratene Calvi könnte «plaudern». Auch das Geldinstitut des Vatikans soll damals am Rand des Ruins gestanden haben. Als pikantes Detail galt seinerzeit auch der Name der Themsebrücke, unter der man die Leiche fand: Blackfriars Bridge, «Brücke der schwarzen Klosterbrüder».

Ob das dunkle Kapitel jemals erhellt wird, gilt als fraglich. Der Prozess wurde am Donnerstag kurz nach Beginn erst einmal vertagt, lediglich der angeklagte Geschäftsmann erschien vor Gericht, «Mafia-Kassierer» Calo war per Video aus seiner Gefängniszelle zugeschaltet. Die Angeklagten weisen jede Schuld von sich. «Ich bin überzeugt, dass Calvi Selbstmord begangen hat. Er hatte viele Gründe dazu», sagte der beschuldigte Geschäftsmann. Auf alle Fälle steht ein Mammutverfahren an, 117 Zeugen sind geladen, zwei Jahre Prozessdauer sind geplant. (Von Peer Meinert, dpa)

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