Magersucht : "Davon wirst Du nie geheilt"

Benni wog zwei Jahre lang nur 62 Kilo – bei einer Größe von 1,94 Meter. Der 28-Jährige weiß heute, dass er magersüchtig war. Damals wollte er es aber nicht wahrhaben. Uns hat er seine Geschichte erzählt.

Ulrike Thiele

Neulich ging es Benni mal wieder nicht so gut. Er hatte Ärger im Job und seine Mutter lag im Krankenhaus. Da hatte er einfach keinen Hunger. „Ich glaube, das war wieder so ein Rückfall“, erzählt er. Benni ist 28 Jahre alt und sieht aus, wie ein normalschlanker, junger Mann. Seine Bewegungen sind fein und grazil, vielleicht etwas femininer als bei anderen Männern. Dass er mal magersüchtig war, merkt man ihm heute aber nicht mehr an.

Es gab Zeiten, da wog Benni nur 62 Kilo. Wenn er sich heute Fotos aus dieser Zeit anschaut, kommen ihm die Tränen. Weil er so elend darauf aussieht, wie ein Skelett, sagt er selbst. Benni  hat die Krankheit beiseite geschoben, aber nicht überwunden. Er glaubt, man überwindet sie nie wirklich. Deshalb die Rückfälle, wenn es ihm mal schlecht geht und wenn ihm alles zu viel wird.

Mit 20 beginnt er sein Studium. Etwa in derselben Zeit verunglückt sein Opa bei einem Autounfall und wird zum Pflegefall. Benni kümmert sich um ihn, beinahe rund um die Uhr. "Mein Großvater war eigentlich eher ein Vater für mich, weil ich bei ihm aufgewachsen bin", erzählt Benni. Studium und Pflege des Opas: Benni verliert an Gewicht, zunächst ganz unbewusst – aus 98 werden 85 Kilo, wegen des Stresses, wie er glaubt.

"Ich will die 80 erreichen"

Das gefällt ihm gut, er wollte schon immer ein bisschen abnehmen, weil er in der Pupertät "etwas dicker" war. "Ich habe mich immer viel mit anderen Jungs in meinem Alter verglichen, die waren viel schlanker und männlicher", erzählt er. Doch dann kommt der Punkt, als er beginnt sich Ziele zu setzten. "Ich habe mir dann gesagt, ich will die 80 erreichen und habe darauf hingearbeitet", erinnert sich Benni.

Die nächste Stufe, die er erreichen will, heißt 75 Kilo. "Ich habe dreimal täglich gegessen, deshalb fühlte ich mich völlig normal", sagt Benni. Doch was ihm nicht bewusst ist: Er isst jeden Tag dasselbe und viel zu wenig: morgens ein Vollkornbrötchen und einen Apfel, mittags einen Salat und abends eine Scheibe Brot und noch einen Apfel.

Innerhalb weniger Monate verliert er dann noch mal mehr als zehn Kilo. Der Großvater muss wieder ins Krankenhaus, es steht schlecht um ihn. Benni besucht ihn ständig, fühlt sich verantwortlich. "Ich wollte stark sein für meinen Opa und mich um alles kümmern", sagt er. Zum Essen kommt er nur noch selten und Hunger hat auch keinen. Seine Mutter und seine Freunde machen sich Sorgen, können ihm aber nicht helfen.



"Ich war das reinste Ekelpaket"

Mit 23 wiegt Benni nur noch 62 Kilo. Er nennt diese Zeit "die ganz schlimme Phase". Von den Freunden und Verwandten traut sich kaum mehr jemand, ihn auf sein Gewicht anzusprechen. Benni findet heute, dass er damals das "reinste Ekelpaket" war. "Ich war richtig zickig und patzig, habe oft widersprochen und mich mit allen gestritten". Seine Magersucht leugnet er in den nächsten zwei Jahren - auch gegenüber seinen engsten Vertrauten: seiner Mutter, dem Bruder und dem besten Freund. "Irgendwann will keiner mehr was mit Dir zu tun haben."

Sein Körper wehrt sich gegen die grobe Behandlung. Die Haut ist ständig trocken und schuppig. Immerzu friert Benni, "egal wie dick ich mich auch angezogen habe". Als ihm eines Tages die Haare in Büscheln ausfallen, bekommt er einen Schreck. Zum ersten Mal nimmt er das Wort Magersucht ernst. Dann beginnt der Dauerschwindel und Benni wird sich bewusst, dass er etwas unternehmen muss. Eine Odyssee durch Krankenhäuser und Arztpraxen folgt. Jetzt sucht Benni nach Hilfe, findet sie aber nicht. Die Ärzte untersuchen ihn auf Schizophrenie und andere neurologische und psychische Erkrankungen, nur eine Ärztin sagt ihm, dass er magersüchtig ist.

Er geht zu einem Psychotherapeuten – die Adresse hat er von einer Freundin. Eineinhalb Stunden streitet er sich mit dem Mann, der ihn damit konfrontiert, dass er keine Essstörung, sondern einen "Tick" habe und dass er ihn nicht therapieren könne. Stattdessen solle er sich endlich von seiner Familie emanzipieren. Benni ist wütend. Er geht nicht wieder zu dem Therapeuten.

Das Leben außer Kontrolle

Im Nachhinein gibt er dem Psychologen aber Recht. "Ich habe immer alles auf mich genommen, wollte es allen recht machen, habe mich nicht gewehrt und hatte Angst, mir Feinde zu machen." Dazu kam, dass sein Leben ihm aus der Hand zu gleiten schien: "Der Unfall von meinem Opa, dazu der Stress im Studium und unglücklich verliebt war ich in der Zeit auch noch – es war einfach alles zu viel", sagt Benni heute. Das einzige, was er kontrollieren konnte, war sein Körper.

Aufhören zu hungern kann Benni erst, nachdem der Großvater gestorben ist. Das Studium beendet er und geht dann in eine andere Stadt, um dort zu arbeiten. Erstmals hat er die Zeit, sich nur um sich selbst zu kümmern. Bei Treffen mit den Arbeitskollegen und bei Seminaren wird meistens gegessen – Benni will nicht nur daneben sitzen und isst mit. Er schafft es allein, gegen die Magersucht anzukämpfen.

"Ich habe heute Normalgewicht, ich esse wesentlich mehr, ich kann auch mit Leuten wieder einen trinken gehen und Spaß haben", sagt Benni. Als geheilt würde er sich trotzdem nicht bezeichnen. "Ich glaube nicht, dass man davon geheilt werden kann. Es ist wie bei einem Alkoholiker." Und wenn er nicht aufpasst, dann kommt die Krankheit wieder zurück. So wie neulich.



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