Welt : "Maigret und der Fall Simenon": Die Polizei der Seele

Sacha Verna

Sterben ist eine schöne Sache, besonders, wenn damit eine Karriere als Serienheld zu Ende geht. Nie mehr den Anblick des grau gewordenen Autors ertragen müssen, der sich die Finger wundsaugt, um Folge 723 wenigstens ein bisschen über Niveau Ojeoje zu heben. Endlich die Macken ablegen, die man all die Jahre über gepflegt hat, als wäre das Wort "Zwangsneurose" noch nicht erfunden. Ruhe, einfach nur Ruhe - ein kostbares Gut, das leider den wenigsten Serienhelden vergönnt ist. Auch Jules Maigret hat sich zu früh auf ein beschauliches Dasein im literarischen Jenseits gefreut. Fast zwei Jahrzehnte nachdem Georges Simenon erschöpft und mit dem Romane-Schreiben fertig war, wird der illustre Seelenpolizist erneut herbeizitiert. In Maurizio Testas "Maigret und der Fall Simenon" soll Maigret keinem Verbrecher nachsteigen, sondern die Biografie seines Erfinders nach dunklen Flecken absuchen. Diesen Auftrag erhält er von der französischen Regierung, die ausgerechnet den ewigen Belgier Georges Simenon zu ihrem kulturellen Aushängeschild machen und vorher sicher stellen möchte, dass die Weste des Auserwählten wirklich jeden Reinheitstest besteht.

Das Spiel "fiktive Figur trifft ihren Schöpfer" ist nicht neu. Ein ähnliches hat Simenon selber in "Maigrets Memoiren" (1950) gespielt. Darin lässt er Maigret erzählen, wie man ihm (Maigret) eines Tages die Begleitung eines ambitionierten Jungautors (Simenon) aufzwingt, der sich einen Eindruck vom Alltag eines Kriminalkommissars verschaffen will. Bei Testa ist der ambitionierte Jungautor zum Glück bereits alt und berühmt geworden und gestorben, so dass Maigrets zweite Begegnung mit ihm nur noch auf dem Papier stattfindet. Papier gibt es tonnenweise, allerdings hat Maigret nicht die geringste Lust, sich mit den unzähligen Briefen, Presseberichten und Erinnerungen zu beschäftigen, die man ihm zur Durchsicht ins Büro hievt. Stattdessen tut Maigret, was er immer tut: Er taucht ein in die Atmosphäre, die das Opfer, bzw. in diesem Fall Simenon umgeben hat. Er fährt nach Liège, wo Simenon geboren wurde, er besucht Simenons ehemalige Pariser Wohnung an der Place des Vosges und das Château d*Echandens, Simenons letztes Domizil bei Lausanne am Genfer See. Und er spricht mit den Leuten, die Simenon gekannt haben, vom Dienstmädchen bis zur Ex-Frau. Dass die überwiegende Mehrheit dieser Leute schon lange unter der Erde liegt, scheint weder Testa noch Maigret zu stören. Altersmäßig stellt Testas Maigret ja selber ein Wunder der Natur dar, wieso soll er da nicht ein paar nette Plauderstündchen mit Colette, Josephine Baker oder Henry Miller verbringen. Bloß: Wozu das Ganze? Was Simenons tatsächlich streckenweise undurchsichtige Vita betrifft, ist der Erkenntniswert dieses Buches gleich Null.

Maigret bemüht sich zwar redlich, aber was Testa ihm einflüstert, verrät jeder ausführlichere Lexikonartikel: Simenon, die hyperaktive Textmaschine, Simenon der Frauenheld, Simenon, der schlaue Geschäftsmann und politische Opportunist. Dagegen ist an sich noch nichts einzuwenden, schließlich kann sich jeder, der sich für mehr interessiert, in eine der vielen Simenon-Biografien vertiefen. Einzuwenden ist lediglich etwas gegen die Tatsache, dass Testa diesen jämmerlich gescheiterten Versuch eines quasi offiziellen Simenon-Plagiats allen Ernstes als Literatur verkauft.

Vermutlich hatte er vor, aus Simenonschen Ingredienzien einen waschechten Testa zu basteln, den andere sich dann neben Simenon ins Regal schieben. Geschoben wird hier jedoch einzig und allein der arme Maigret, und zwar von einem Klischee zum nächsten. Ständig muss er in seinem Kanonenofen herumstochern und Autobusse mit Plattform benutzen - wohl nach fruchtbaren Verhandlungen mit Feuerpolizei und Verkehrsmuseum -, nur weil Simenon einmal Maigrets innige Beziehung zu seinem alten Kanonenofen und seine Vorliebe für Autobusse mit Plattform erwähnt. Während Simenons Maigret sich gelegentlich ein Gläschen Weißwein in einer Quartierkneipe genehmigt, wünscht man Maigret II schon nach zwanzig Seiten einen guten Therapeuten und viel Erfolg bei den Anonymen Alkoholikern - kein Requisit, kein Charakteristikum, das durch Testas gnadenlose Kopier- und Vervielfältigungswut nicht die Attraktivität einer zerquetschten Cola-Dose erhielte.

Die peinliche Anhäufung von Maigret-Versatzstücken ist das eine, der himmeltraurige Stil das andere. Es beginnt beim inflationären Gebrauch von Wendungen wie "mit einem Wort", "schön langsam" oder "für gewöhnlich" und hört noch lange nicht auf bei der überwältigenden Phantasielosigkeit, mit der Testa seine Figuren beschreibt (Menschen sind entweder "sympathisch" oder "unsympathisch", man hat entweder "gute" oder "schlechte Laune" etc.). Wenigstens ersteres hätte ein halbwegs funktionierendes Lektorat verhindern können, letzteres zeigt wie manch anderes, dass Testas Prosa nicht einmal als dilettantische Hommage an Simenon etwas taugt. Sterben ist eine schöne Sache, besonders, wenn damit eine Karriere als Serienheld zu Ende geht. Also bitte, bitte: Maigret requiescat in pace.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben