Welt : Maikäfer, flieh

IRMGARD LOCHER

Totgesagt war er schon oft, doch machte ihm das offenbar keinen Eindruck.Immer wieder schwirrt er an, nicht allein, sondern mit ganzen Geschwadern voll Kollegen.In der Schweiz zum Beispiel ist er gerade damit beschäftigt, die Zentralschweiz und Graubünden unter die Flügel zu nehmen.Die Rede ist vom Maikäfer.

Zwischen den fünfziger und achtziger Jahren glaubte man, ihm endgültig den Garaus machen zu können, und besprühte ihn mit Giftwolken.Nur bedachte man nicht, daß mit der chemischen Keule auch die natürlichen Feinde der Maikäfer dezimiert wurden.Also blieb die Zahl der Tiere konstant, und die überlebenden Engerlinge erholten sich rasch.Und wenn die Maikäfer alle drei bis vier Jahre zu ihren gefürchteten Flugjahren starten, fressen sie nach wie vor alles kahl.

Ihre Bekämpfung hat Tradition.In Frankreich begann sie 1320 in Avignon, wo ihnen ein Geistlicher den Prozeß machte.Er teilte den Käfern mit, daß man einen Anwalt für ihre Verteidigung bestellt habe.Doch kein einziger Angeklagter erschien.Der Verteidiger entschuldigte das Fernbleiben damit, daß man es unterlassen habe, ihnen freies Geleit zuzusichern.Außerdem, verteidigte er seine Mandanten, hätten sie als Geschöpfe Gottes ein Recht auf Nahrung.

In der Schweiz wollte man den gefräßigen Tieren 1450 juristisch an den Kragen.Im Bistum Chur zitierte man sie vor das Landgericht.Dreimal sogar, ohne daß sie erschienen.Das Urteil wurde trotzdem gefällt.Die Richter verbannten Käfer und "Ingerwürmlein" - die Engerlinge - in die Wildnis.So berichtete es der Zürcher Großmünster-Chorherr Felix Hemmerli.Durch ihn ist ebenfalls überliefert, daß die Berner Regierung beim Bischof von Lausanne vorstellig wurde und von ihm verlangte, die Käfer aus ihrem Territorium wegzusegnen: eine Strategie, die andernorts Erfolg gehabt habe.Allerdings führte auch diese friedliche Maßnahmen nicht zu Erfolg.

Schlimm wurde es 1478, als Maikäferschwärme das Land zwischen Genfer See und Bodensee heimsuchten.Auf den Märkten konnte kaum noch Grünzeug verkauft werden, weil die Tiere alles weggeputzt hatten.Da sah sich der Bischof veranlaßt, den Schädlingen ein öffentliches Ultimatum zu stellen.Bis zum Bartholomäustag, dem 25.April, sollten sie sich vor ihm verantworten.Weil das nichts fruchtete, reiste der Kirchenfürst höchstpersönlich nach Bern.Im Berner Münster hielt er ein Hochamt und forderte die Käfer auf, das Berner Hoheitsgebiet unverzüglich zu verlassen.Doch auch das ignorierten die Käfer.Daraufhin schritt der Bischof zur schlimmsten Strafe: Er exkommunizierte sie.Und darüber hinaus stieß er eine finstere Drohung aus.Bei der nächsten Sintflut, erklärte er, hätten die unbotmäßigen Käfer das Anrecht auf einen Platz in der Arche verscherzt.Sie würden elendiglich ersaufen und damit endgültig von der Erde verschwinden.

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