Welt : Mailand: Kein Radar, keine Sicht

Thomas Migge

Carlo Genovese parkte irgendwo. Ob im Halteverbot oder nicht, das interessierte ihn nicht. Der 45jährige Ingenieur aus Mailand war nach der Nachricht, die er über Autoradio hörte, gleich nach Linate zum Flughafen gefahren. Er ging schnell und wirkte aufgeregt und darin erkannte eine vor dem Flughafengebäude stehende Fernsehjournalistin der RAI den Angehörigen eines der Opfer. Sie ging mit ihrem Mikrofon direkt auf den in einen dunklen Anzug gekleideten Mann zu und stellte ihm Fragen. Genovese bemühte sich um Ruhe. "Ich hoffe, dass meinem Sohn Gianni nichts passiert sein wird", sagte er. Er wisse ja "noch gar nicht, wie viele Tote es überhaupt gibt". Die Journalistin wusste es, sagte es dem Mann aber nicht.

Montagvormittag ging es auf dem Mailänder internationalen Flughafen Linate so hektisch zu wie an jedem Arbeitstag. Zusammen mit dem neuen "Airport Malpensa" gehört Linate zu den wichtigsten und am meisten frequentierten Flughäfen Europas. Schließlich ist die lombardische Metropole das Wirtschafts-, Finanz- und Modezentrum von Italien und Zielort von Geschäftsleuten aus aller Welt.

Wie oft in Mailand herrschte Montagmorgen dichter Nebel. Aber nicht so dicht, meinte Vincenzo Fusco, Direktor von Linate, dass "eine ganz besonders dicke Suppe über uns lag". Fusco ist davon überzeugt, dass der Nebel kein Grund für das schwere Unglück gewesen sei.

Das Unglück: Beim Zusammenstoß einer startenden Passagiermaschine der skandinavischen Fluggesellschaft SAS und einer deutschen Cessna auf dem Mailänder Flughafen sind am Montag nach letzten Angaben 118 Menschen ums Leben gekommen. Vier Personen werden vermisst. Die mit 110 Insassen besetzte MD 87 der SAS prallte nach der Kollision in ein Gebäude und ging in Flammen auf. Ein terroristischer Hintergrund wird von den Behörden ausgeschlossen. "Vielleicht menschliches Versagen", kommentierte Fusco kurz angebunden und eilte zu einer Pressekonferenz davon.

Die Fluglotsen des Flughafens Linate müssen seit einem Jahr ohne Bodenradar auskommen. Die Radaranlage sei vor einem Jahr ausgefallen und seitdem nicht repariert worden, sagte ein Sprecher der Fluglotsen. Nur das Radar, das die Flugbewegungen kontrolliere, sei in Betrieb. Auf dem Flughafen von Linate herrschen wegen des häufig auftretenden dichten Nebels oft schlechte Sichtverhältnisse.

Tatsache ist, dass eine Cessna-Maschine mit vier deutschen Passagieren an Bord am Boden auf das Rollfeld des skandinavischen Fliegers fuhr. Die SAS kollidierte beim Startvorgang mit der Cessna. "Ich hörte erst einen Knall, dann zwei andere, es war fürchterlich laut und anschließend schoss eine riesige Feuerflamme in die Höhe", berichtete eine Römerin, die in der Aussichtshalle auf das Rollfeld schaute.

Die SAS kam nach der ersten Explosion von ihrer Flugbahn ab und raste in eine Halle des Airports, in der Gepäck aufbewahrt wurde. Das alles geschah so schnell, dass die dort arbeitenden Angestellten sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Mindestens sechs von ihnen starben.

Sofort wurde bekannt, dass sich unter den Toten in der SAS-Maschine 48 Italiener befanden. Warum nicht sofort bekannt wurde, aus welchen Ländern die anderen Opfer kamen, darauf gab Fusco keine Antwort. "No comment", sagte er und verwies die Journalisten an die ermittelnde Polizei. Die verweigerte jede Auskunft.

Für Carlo Genovese ist der Grund der Katastrophe nicht wichtig. Er hat seinen Sohn Gianni in den Flammen der SAS verloren.

Gianni wollte einige Tage in Kopenhagen Ferien machen. Der 22-Jährige war Montagmorgen zu spät aufgestanden. Sein Vater wollte ihn deshalb nach Linate fahren, aber Gianni nahm ein Taxi, weil er nicht auf den Vater warten wollte, der erst später das Haus verließ.

"Wäre er mit mir gefahren", sagt Carlo Genovese, "dann wäre er zu spät gekommen, hätte das Flugzeug vielleicht verpasst und wäre jetzt noch am Leben".

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