Welt : Mainzer Weihbischof: Justiz leitet Ermittlungen ein

Heidi Parade

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Mainzer Weihbischof Franziskus Eisenbach wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs bei einer seelsorgerlichen Betreuung der Mainzer Professorin Änne Bäumer-Schleinkofer. Das Bistum weist die Anschuldigungen der Wissenschaftlerin gegen den Geistlichen zurück, räumte aber "körperliche Zuwendung" zwischen den beiden ein. Die Professorin hat auch eine Klageschrift an den Vatikan gerichtet. Darin schreibt sie, die seelsorgerliche Betreuung - sie dauerte anderthalb Jahre - habe den Charakter eines Abhängigkeitsverhältnisses angenommen.

Bischof Lehmann wusste davon

Auf Anweisung des Mainzer Bischofs Karl Lehmann darf Eisenbach seine öffentlichen Bischofsfunktionen bis auf weiteres nicht wahrnehmen. Eine Beurlaubung, die der Weihbischof wünscht, lehnte Lehmann als nicht gerechtfertigt ab. Eine solche Entscheidung liege ohnehin in der Hand des Heiligen Stuhls, der die Affäre noch prüfe. "Wir bewegen uns in einem Bereich, in dem sich Staatsanwaltschaften höchst selten bewegen", bekannte der Mainzer Leitende Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach, als er den Ermittlungsbeschluss nach zehntägiger Prüfung bekannt gab.

Die Staatsanwaltschaft muss nun ergründen, ob ein Betreuungsverhältnis im Sinne des Paragrafen 174 c des Strafgesetzbuches zwischen der 43-Jährigen und dem Weihbischof überhaupt gegeben war und ob ein sexueller Missbrauch vorgelegen hat.

In diesem Fall handele es sich um kein echtes therapeutisches Verhältnis, sondern um ein Verhältnis besonderer Art, "dessen Inhalt wir prüfen müssen", so Puderbach. Ferner müsse geklärt werden, von wem die Initiative zu den sexuellen Kontakten ausging. Die Professorin behauptet, der Weihbischof habe an ihr einen so genannten Großen Exorzismus (Teufelsaustreibung) vorgenommen. Dabei sei es zu sexuellen Übergriffen und Körperverletzung gekommen. Nach stundenlangen inquisitorischen Befragungen durch Eisenbach sei sie in Siechtum verfallen und zeitweise gelähmt gewesen. Das Bistum hingegen sagt, die Wissenschaftlerin habe Anfang 1999 um seelsorgerliche Beratung gebeten, weil sie "Visionen" gehabt habe. Daraus sei eine "persönliche Nähe" entstanden, die auf Initiative der Frau auch körperliche Zuwendung umfasst habe.

Bischof Lehmann, der davon wusste, habe die Entwicklung der seelsorgerlichen Begleitung missbilligt und für eine Beendigung des Kontaktes gesorgt. Als Motiv für die Strafanzeige der Professorin vermutet man auf Seiten der Kirche, dass ihr eine von ihr angestrebte Anstellung beim Bistum als Institutsleiterin verweigert worden ist.

Puderbach sagte, aus den über hundert handgeschriebenen Briefen, die die Professorin an den Weihbischof geschickt habe, sei der Eindruck zu gewinnen, dass die sexuellen Kontakte wohl sehr nachdrücklich von ihr ausgegangen seien. Im Besitz möglicher Briefe des Weihbischofs sei die Staatsanwaltschaft noch nicht. "Es wird sicher interessant sein, dass wir diese Schriftstücke auch noch bekommen, sofern sie noch vorhanden sind."

Auch müsse geklärt werden, ob die psychische Konstitution der 43-Jährigen Einfluss auf ihre Aussagetüchtigkeit habe. Während sie nämlich nach Bekanntwerden ihrer Strafanzeige in einem Fernseh-Interview den Eindruck einer gestandenen Frau mit hervorragender wissenschaftlicher Bildung gemacht habe, gäben ihre Briefe sehr zum Grübeln Veranlassung "hinsichtlich irgendwelcher Wahnvorstellungen im religiösen Bereich". Diese Diskrepanz müsse überprüft werden. Deshalb werde angestrebt, dass sich die Wissenschaftlerin psychiatrisch untersuchen lasse. Gegebenenfalls müsse sie unter Hinzuziehung eines Psychiaters vernommen werden. Das Ermittlungsverfahren soll nach Puderbachs Worten "ganz schnell" abgeschlossen werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben