Welt : Makabre Fracht

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Von Elke Windisch, Moskau

Mediziner im westsibirischen Nowosibirsk verfolgen mit weichen Knien Ermittlungen, die am Wochenende in der Moskauer Presse für Schlagzeilen sorgten. 56 Leichen sowie 400 Präparate, die aus menschlichem Gehirn hergestellt wurden, waren im Frühjahr letzten Jahres aus Nowosibirsk nach Deutschland verschifft worden. Es handelt sich um Leichen von Obdachlosen, Häftlingen und Psychiatriepatienten. Empfänger war das Heidelberger Institut für Plastifizierung. Dessen Direktor, Gunther von Hagens, von dem die in Moskau erscheinende Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ schrieb, an ihm hafte in Deutschland der Ruf eines neuen „Doktor Frankenstein“, ist Organisator der umstrittenen Ausstellung „Körperwelten“, die in ganz Europa mit großem Erfolg plastinierte Leichen zeigt.

Von Hagens ist durch die von ihm entwickelte Methode der Plastination bekannt geworden, einem neuartigen Konservierungsverfahren: die Leichenteile werden mit Aceton entwässert und entfettet, später wird das Aceton durch Kunststoff ersetzt. Dadurch sind die Präparate „plastiniert“ – trocken, fest und geruchlos.

Obwohl die „Körperwelten“-Ausstellung immer wieder als geschmacklose und ethisch fragwürdige Show gegeißelt wurde, strömten die Menschen in Massen, wo immer von Hagens seine Präparate ausstellte. Auch in Deutschland entwickelte sich eine lange Debatte über die Ausstellung, auch hier war sie ein Riesenerfolg. Selbst sieht sich der Anatom als Aufklärer: „Als Arzt gehört es zu meinen Pflichten, den Laien im Sinne einer medizinischen Vorbeugung aufzuklären. Mit einer plastinierten Raucherlunge oder einer verfetteten Leber zeige ich, wohin ein ungesunde Lebensweise rein körperlich führen kann.“

Auch die Herkunft der Leichenteile war immer wieder in die Kritik geraten. Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst Benda kritisierte während der „Körperwelten“-Ausstellungen in Deutschland, es wäre seltsam, dass Leichen ohne Leichenpass nach Deutschland importiert würden.

Auf seiner Internetseite sagt von Hagens zur Herkunft der Leichen: „Alle anatomischen Präparate, die in der Ausstellung „Körperwelten“ gezeigt werden, sind echt. Sie stammen von Menschen, die zu Lebzeiten darüber verfügt haben, dass ihr Körper nach dem Ableben zur Ausbildung von Ärzten und der Aufklärung von Laien zur Verfügung stehen sollen. Viele Spender betonen, dass sie auf diese Weise nach ihrem Tod noch anderen Menschen von Nutzen sein können.“

Als die makabre Fracht aus Nowosibirsk im letzten Frühjahr vom russischen Zoll an der Westgrenze zeitweilig beschlagnahmt wurde, lautete die Ausrede ähnlich: Die Medizinische Akademie sagte, dass aus den Leichen in Deutschland Lehrmittel für den Anatomieunterricht hergestellt werden sollten. Der Grund: Die Einbalsamierungsmethode, die von Hagens entwickelt hat, gelte als umweltfreundlicher, weil die Lösung nicht das giftige Formalin enthält. So jedenfalls erklärte sich der in Bedrängnis gekommene Akademie-Rektor Anatolij Jefremow gegenüber der „Nesawissimaja".

Auch Beamte der russischen Gesundheitsbehörde versuchen, den Vorgang zu verharmlosen, und sprechen von einem „branchenüblichen Geschäft". Die zuständige Staatsanwaltschaft sieht es offenbar anders. Gegen insgesamt 14 Ärzte und Gesundheitsbeamte wurden Ermittlungen eingleitet.

Nur in zwei Fällen reichte das Beweismaterial allerdings für eine Anklage. Der Prozess, so Vizestaatsanwältin Natalja Markassowa, werde in Kürze beginnen. Die beiden Mediziner werden dem Bericht zufolge verdächtigt, gegen Vorschriften zum Umgang mit Toten und das russische Bestattungsgesetz verstoßen zu haben, das jedem Bürger das Recht auf eine würdige letzte Ruhestätte zugesteht. Bei dem „Körperwelten“-Deal, so Markassowa, sei in mehreren Fällen von den Hinterbliebenen keine Freigabe der Leichen eingeholt worden. Akademie-Rektor Jefremow hielt dagegen: Sowohl bei den Leichen als auch bei den Hirnpräparaten habe es sich um Häftlinge, psychisch Kranke oder Obdachlose gehandel. Jefremow: „Nach denen kräht kein Hahn.“

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