Welt : Mallorca: Der Sturm nach der Ruhe

Ralph Schulze

Mittwochnacht brachen Deutschlands Biertrinker auf Mallorca in Jubel aus. Zur Feier der Stunde Null ließen sie das Gerstenbräu liter- oder auch gleich eimerweise durch die Kehle gluckern. Vier der beliebtesten Lokale auf Mallorcas "Schinkenstraße" dürfen nämlich wieder die Zapfhähne öffnen und die hier zu Tausenden einlaufenden Urlauber mit Alkohol abfüllen. Nach sieben Tagen behördlichem Bierverbot am Ballermann ist wieder "Fiesta" angesagt - nur eines dürfen die vier abgestraften Bierterrassen nach Mitternacht nicht mehr, wenn sie überleben wollen: Ihre Gäste mit stampfender Musik, meist zotigen deutschen Schlagern, die Sinne vernebeln. Damit hat sich der so genannte "Bierkrieg" entspannt.

Sieben Tage ohne Bier - das war offenbar zuviel für die deutsche Trinkergemeinde in Arenal an der Playa de Palma: In der ersten Nacht des Zapfverbotes drehten 4000 deutsche Touristen durch, besetzten die "Schinkenstraße" und grölten drohend "Wir wollen Bier". Plötzlich kippten die deutschen Demonstranten auch noch Müllcontainer um, bauten Barrikaden und zündeten diese unter allgemeinem Gejohle an. Mallorcas Polizei, von den tobenden Teutonen wüst beschimpft, hütete sich, einzugreifen und schaute dem deutschen Bier-Aufstand irritiert zu. "Knüppeleinsatz gegen deutsche Touristen" - diese Schlagzeilen wollte man offenbar vermeiden.

Spaniens und vor allem Mallorcas Presse, die schon länger touristische Auswüchse auf der Insel kritisch begleiten, reagierte trotzdem gereizt: Auf den Titelseiten berichteten spanische Medien entsetzt von der "Deutschen Feldschlacht", "Straßenunruhen" und "Meuterei". Mallorcas Tourismusminister Celesti Alomar warnte vor "dem schlechten Bild, das die Vorfälle in Europa erzeugen können". Inselbewohner empörten sich über das schlechte Benehmen der Sauftouristen. Und die ausländische Presse erfand den "Bierkrieg" auf Mallorca.

Doch der "Bierkrieg" ist zunächst einmal ein "Musikkrieg": Die vier berühmten Schankterrassen "Bierkönig", "Bamboleo", ,"Cocos" und "Pancho" hatten den ganzen Sommer über dreist gegen die Lärmschutzgesetze Palmas verstoßen. Um 12 Uhr nachts muss seit 1998 die Musik auf den Terrassen abgeschaltet werden, damit die Anwohner und weniger feierfreudige Hotelgäste in der Nachbarschaft ein Auge zutun können. Etliche große Reiseveranstalter hatten der Stadtverwaltung Palmas auch mit Schadenersatzklagen gedroht, wenn sie nicht endlich gegen die nächtliche Lärmbelästigung einschreite.

"Diskriminierung" schimpften die vom Bier-Bann betroffenen Gastwirte, die behaupteten, das Ganze sei ein Rachemanöver der Konkurrenz. Doch erstaunlicherweise hielten sich die meisten Terrassen in Mallorcas Sündenviertel Arenal zuletzt an das nächtliche Musik-Verbot, auch in den Ballermann-Lokalen in der benachbarten "Bierstraße" war (meist) am frühen Morgen Ruhe - nur eben in der "Schinkenstraße" nicht. Deren Wirte zahlten lieber jede Nacht 300 Euro Buße, denn das Strafgeld wurde locker durch fünf- bis sechsstellige Umsätze wieder hereingeholt. Dieser Ignoranz wollten die Behörden nun mit dem befristeten Zapfverbot einen Riegel vorschieben.

Um welche Umsätze es in diesem Geschäft geht, lässt die Eigenwerbung des prominenten "Bier-Königs" ahnen: "Nach Hektolitern gerechnet feiert Ihr im sechstgrößten Biergarten der Welt." Dieses Trinker-Mekka besteht aus 2500 Quadratmetern mit 600 Tischen, 2000 Hockern und bietet rund 3000 Gästen Platz. Vor drei Jahren geriet der "Bier-König" in die Schlagzeilen, nachdem sein Besitzer, Manfred Meisel, mit Kopfschüssen ermordet wurde. Auch damals war von "Mafia" und "Machtkämpfen" in der Szene die Rede - doch die Täter konnten bis heute nicht gefasst werden.

Die Biergärten von Arenal kündigten übrigens dieser Tage an, sie wollten im Streit um die Musik nicht klein beigeben: "Wir werden dafür kämpfen, was wir mühevoll aufgebaut haben." Schon länger verhandelt Arenals "Asociacion de Biergarden" mit der Stadt, die nächtlichen Musikbeschränkungen wieder aufzuheben. Eine Forderung, deren Erfüllung wiederum Hoteliers wie Anwohner auf die Barrikaden treiben würde. Ein Frieden in Mallorcas "Musikkrieg" ist also derzeit nicht zu erwarten.

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