Welt : Mallorca: Überhitzt

Ralph Schulze

Die europäische Urlaubsbranche beobachtet argwöhnisch einen Selbstversuch, der nach Meinung mancher Schwarzseher mit der Selbstzerstörung enden könnte: Mallorca, lange Zeit Vorreiter und europäisches Symbol für den ungezügelten Massentourismus, schaufelt gerade seiner größten Einkommensquelle, dem Pauschalurlaub, das Grab.

Und das mit zwei Methoden. Dem Streik der Busfahrer, der, wenn er noch ein paar Male aufgenommen wird, die Urlaubsbuchungen auf ein Maß zurückschrauben könnte, der der Insel vielleicht ganz gut täte. Das war zwar so nicht geplant, kommt aber den neuesten Bestrebungen entgegen. Das ist die zweite Methode: Die Regierung der Balearen möchte den Massentourismus zurückdrängen. Gewissermaßen in einem Akt der Notwehr, denn das paradiesische Eiland steht nach Meinung der waltenden Inselpolitiker vor dem totalen Umwelt-Urlauber-Kollaps.

Das Streik-Chaos am Wochenende wirft ein Schlaglicht auf Massentourismus. Wo jedes Bett belegt ist, jeder Flugzeug- und Taxi-Sitz und jeder Barhocker besetzt ist, gerät das System Mallorca an den Rand der Belastbarkeit.

Klasse statt Masse

"Klasse statt Masse", lautet deshalb der neue Schlachtruf Mallorcas, mit dem die Pauschaltouristen verabschiedet werden sollen. Mehr Golf-, weniger Sauftouristen wünschen sich die Inselgewaltigen, die mit markigen Sprüchen ("Wir wollen keine Ballermänner mehr") und spektakulären Entscheidungen (Urlaubssteuer, Hotel-Baustopp) die Kehrtwende ansteuern. Versuch einer Revolution im Urlaubsgeschäft, deren Funke bald auf andere Hochburgen der Erholung wie die Kanaren, Costa Brava, Costa Blanca, Costa del Sol überspringen könnte - wenn die Operation Mallorcas erfolgreich verläuft.

Der Krankheitsbefund ist überall dort in Spanien, wo jahrelang ohne Rücksicht auf Verluste eine lukrative Tourismusindustrie hochgezüchtet wurde, gleich: Zubetonierte Küsten, durch Bettenburgen verschandelte Landschaften, sterbende Strände, Verkehrsinfarkt, Wasser-, Energie- und Müllentsorgungsprobleme. Die Therapie ist schwierig, weil die Behandlung an die Wurzeln dieses Bombengeschäftes geht, von dem ganze Regionen leben. Die Mallorca-Insel, die dem Infarkt am nächsten ist, muss sie sich nun vorneweg dieser höchst schmerzvollen Radikalkur stellen.

Dieser Druck provoziert offensichtlich politische Kurzschlüsse. So will die Mallorca-Regierung gleich mit dem Holzhammer die Auswüchse des Massentourismus niederkämpfen und zertrümmert dabei auch viel Porzellan. Etwa wenn der Tourismusminister der Baleareninsel seinen besten Kunden, den Deutschen, via "Focus" ausrichten läßt: "Die Käferfahrer können künftig in der Türkei oder Kroatien Urlaub machen." Oder in Hinsicht auf die umstrittene Urlaubssteuer (ein Euro pro Tag und Kopf), die von 2002 an erhoben werden soll: "Touristen, die wegen eines Euro am Tag nicht kommen, wollen wir nicht haben."

Mit derartiger Tölpelhaftigkeit wird Mallorca es schwer haben, sein ramponiertes Image als Reiseziel aufzubessern. Viele mittelständische Familien, deren Reiselust in den letzten zwei Jahrzehnten der Insel zu großem Wohlstand verhalf, werden sich bei solch ungastlichen Tönen gut überlegen, wo sie künftig Urlaub machen werden. Auswirkungen sind schon zu spüren: "Seit Beginn der 90er Jahre war die Auslastung der Hotels im Sommer noch nie so niedrig", klagte dieser Tage der balearische Hotelverband, einige Herbergen seien nicht einmal zur Hälfte belegt.

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