Welt : Manege Freiheit

Für die kleinen Artisten eines afghanischen Kinderzirkus ist die Tournee durch Europa ein Kulturschock – und der ist erwünscht

Erkan Altun

Noorifaa ist neun Jahre alt. Der Garten des Kinderkulturhauses in Kabul liegt in seiner Nachbarschaft, dort geht er spielen. Noorifaa lernt hier mit anderen afghanischen Kindern Jonglieren, Einradfahren und Clownerie – aus dem Flüchtlingsjungen im Garten wird ein kleiner Star in der Manege. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der Mobile Mini Circus for children daran, afghanische Kinder wieder zum Lachen zu bringen: In dem privaten dänisch- afghanischen Projekt erhalten 80 Kinder eine künstlerische Ausbildung. Jetzt ist ihr Zirkus zum ersten Mal in Europa unterwegs, in Deutschland und in Dänemark.

Das Kinderkulturhaus verfügt über eine Bühne, Malateliers, eine Schneiderei, eine Holzwerkstatt und ein Kinderkino. Den Kindern werden von Pädagogen und Künstlern auch das professionelle Geschichtenerzählen und kreativer Radiojournalismus beigebracht. Jetzt wurde der Stundenplan um Europa-Unterricht erweitert.

Viele Kinder im Minizirkus haben Eltern und Familienangehörige im Krieg verloren. Einige sind traumatisiert, andere können keine Schule besuchen, weil sie für den Lebensunterhalt ihrer Familie arbeiten müssen. Das Kinderkulturhaus in Kabul, sagt David Mason, ein Gründungsmitglied des Mobile Mini Circus, ist für die Kinder ein zweites Zuhause geworden. Sieben Jungen und fünf Mädchen durften jetzt verreisen: Sie entdecken auf ihrer Tour erstmals fremde Kulturen. Vor allem irritiert sie die Kleiderordnung: „Die Jungen müssen sich an den Anblick unverhüllter Frauenhaut erst gewöhnen“, sagt ihre Betreuerin Ellis Berlijn. Auch bei den Mädchen gibt es einen Kulturschock. „Sie wollen wissen, wie hoch man die Ärmel in Deutschland schieben darf, oder wie viel nacktes Bein erlaubt ist.“

Das starke Auftreten von Frauen ist völlig neu für die jungen Afghanen. So kommt es in der Gruppe schon mal zu Konflikten. Die Betreuer nähern sich dem vorsichtig: „Die Mädchen dürfen keine Akrobatik machen – körperbetonte Zirkusnummern für junge Frauen sind verpönt. Wir haben ein Mädel, das jongliert und eine andere läuft auf Stelzen. Vor allem aber dürfen sie singen“, erzählt Berlijn.

Beim Bremer Straßenzirkus-Festival „La Strada“ haben die Kinder – unter Clowns und Artisten aus der ganzen Welt – das Publikum mit deutschem Liedgut überrascht: „Oh du lieber Augustin, Augustin, Augustin“, jubeln Wasila, Abedah und Parisa aus vollem Hals. Sie haben sich schließlich vorbereitet auf Deutschland. Endlich dürfen sie ihr Talent auf der Bühne zeigen; leidenschaftlich und laut.

Neben Liedern, Tänzen und Zirkusnummern zeigen die Kinder in Bremen, Weimar, Århus und Hamburg Ausschnitte aus den Stücken, die sie zu Hause in Afghanistan spielen. Da steht ihr Projekt mitten in der Realität und leistet wichtige Aufklärungsarbeit: Auf der Bühne steht ein Junge im grünen Ganzkörperoverall mit roten Papierflügeln am Rücken: Als riesige, summende Malariamücke rückt er vier Kindern auf die Pelle. „Die summende Mücke“ haben 100000 Kinder in zwölf afghanischen Provinzen gesehen, genau wie das Schauspiel „Warnung vor Landminen“. Kindgerecht gibt es hier im Theater keine Toten: Der zehnjährige Murmand spielt mit viel Spaß einen kleinen Affen, der sich mächtig wehtut. In Afghanistan sterben jeden Tag Kinder, weil sie beim Spielen auf scharfe Minen treten. So ist die Zirkusarbeit auch ein Umgang mit Kriegstraumata und psychischen Problemen.

Finanziell hält sich der kleine Zirkus mit seinen Auftritten und Spenden aus Europa über Wasser. Ein weiterer Teil der Arbeit ist die Fortbildung junger Lehrer und Lehrerinnen in Afghanistan: In Workshops lernen sie, Unterrichtsthemen kreativ und kindgerecht zu vermitteln. Dabei geht es David Mason immer um einen spielerischen Zugang zu ernsten Themen.

Für Golab ist die Arbeit im Mobile Mini Circus viel mehr als ein Spiel: „Ich will das schreckliche Bild von Afghanistan, das viele im Ausland haben, ein bisschen verändern und den Menschen das Positive an der afghanischen Kultur nahe bringen.“ Er will Artist werden. Für sein Publikum auf einer Bremer Straße rackert der 15-Jährige deshalb mit voller Konzentration.

www.afghanmmcc.org

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