Mangelwirtschaft : Die Make-up-Krise von Venezuela

Die Schönheitsindustrie ist der zweitwichtigste Wirtschaftszweig des Landes nach Erdöl. Doch Schminke, Shampoo und Co. sind knapp.

Anstehen für fast alles: Oft stehen Kunden vor leeren Regalen.
Anstehen für fast alles: Oft stehen Kunden vor leeren Regalen.Foto: FEDERICO PARRA/AFP

Gibt es nicht – das ist die häufigste Antwort dieser Tage in Caracas. Inflation und Mangel treiben täglich tausende Menschen im Morgengrauen auf die Straße – auf der Suche nach den preisregulierten Produkten wie Seife, Eier, Maismehl oder Windeln. Dafür muss man stundenlang Schlange stehen vor den Supermärkten. Und wird doch oft enttäuscht, wenn die erhoffte Lieferung ausbleibt, der Laster unterwegs schon geplündert wurde oder zwei Personen weiter vorne in der Schlange das Produkt ausgeht.

Die Versorgungsengpässe plagen nicht nur die Familien aller Schichten, sondern machen sich auch im zweitwichtigsten Wirtschaftszweig nach dem Erdöl bemerkbar: der Schönheitsindustrie. Die erwirtschaftete früher jährlich zwei Milliarden US-Dollar. Und: Kein Land hat mehr Schönheitsköniginnen hervorgebracht als Venezuela; die Damen des Landes gelten als selbstbewusst und kokett.

Die Quinta Lucchi ist eine Villa in La Castellana, einem der exklusivsten Viertel von Caracas. In Akademien wie dieser werden die zukünftigen Misses ausgebildet. Hier lernen die Anwärterinnen Manieren, Mode, Make-up und Rhetorik. Die Schönheitsindustrie ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, die trotz sozialistischer Revolution in den Händen der bürgerlichen Elite geblieben sind.

In guten Zeiten flogen die Familien zwei, drei Mal im Monat nach Miami, um dort die Petro- Dollars auszugeben. Sie prägten mit ihrem großspurigen Konsumverhalten das Bild des neureichen Venezolaners. Nun ist der Erdölpreis von mehr als 100 auf 40 US-Dollar pro Fass abgestürzt.

Dem Staat, der jetzt die Wirtschaft kontrolliert, reicht das Geld schlicht nicht mehr, um sowohl die Auslandsschulden als auch den heimischen Konsum zu bedienen – zumal sich die Regierung von Präsident Nicolás Maduro mit einem festen, völlig überbewerteten Wechselkurs und Preiskontrollen selbst ein Zwangskorsett gebastelt hat. Die Konjunktur ist eingebrochen, die Inflation galoppiert.

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Maduro macht sich zum Gespött der Venezolaerinnen

Trotzdem ist die Schönheit noch immer ein Geschäft, wie die Inhaberin der Akademie, Luisa Lucchi, beteuert. Und der Regierung ist sie ein Dorn im Auge. Die Frauen sollten sich nicht mehr föhnen, um Energie zu sparen, forderte Maduro neulich – und machte sich zum Gespött der weiblichen Bevölkerung.

Dem Miss-Venezuela-Wettbewerb – Quotenrenner im Oppositionssender Venevision – teilte die Regierung keine Dollars mehr zu und entzog den Veranstaltern die Nutzung des Theaters, in dem der Wettbewerb traditionell stattfand. Die Organisatoren mussten mit einem kleineren Veranstaltungssaal vorliebnehmen. Es sind diese Schikanen, die über Jahre den Graben zwischen beiden Lagern immer tiefer aufgerissen haben.

Doch die Schönheitszaren lassen sich so leicht nicht unterkriegen. Die Kleider und das Make-up für den Wettbewerb werden von ausländischen Designern und Visagisten eingeflogen. „Die Schönheit kriegen sie nicht kaputt. Wir werden bis zuletzt für sie kämpfen“, sagt Lucchi und versprüht dabei Charme und Optimismus.

Erst als Kamera und Aufnahmegerät aus sind, seufzt sie: „Es ist sehr schwierig, an Make-up oder Lippenstift zu kommen. Wir bitten reisende Freunde, uns etwas aus dem Ausland mitzubringen“, erzählt Lucchi. In ihrer Akademie verkauft sie importierte Wimperntusche und Eyeliner diverser Luxusmarken. Sie kosten ein halbes Monatsgehalt.

Der Mangel hat auch unverhoffte Nebenwirkungen. So hat er ein neues Schönheitsideal hervorgebracht: weniger Kurven etwa, weil es keine Implantate für Schönheits-Ops gibt, berichtet Lucchi. Ihre Akademie überlebt noch, auch wenn die Zahl der Schülerinnen gesunken ist. Weniger gut geht es ihrer Schuhfabrik.

„Die ersten Versuche waren gruselig, aber man lernt dazu“

Sie war vor zwei Jahren kurz davor, durch billige chinesische Importe bankrottzugehen. Jetzt gibt es zwar keine Importe mehr und mehr Nachfrage – aber nicht genügend Stoffe, Leder und Kartonagen, die ebenfalls importiert werden müssen.

Andrea ist eine hübsche 14-Jährige mit schwarzen Locken, großen schwarzen Augen und einer Zahnspange, die ihre weißen Zähne perfekt aufreiht. Ihr Vater hat zwei Jobs. Er betreibt einen Getränkehandel und verkauft nebenher als Schwarzhändler Fleisch, das er über dunkle Kanäle auftreibt.

Manchmal begleitet ihn Andrea auf seinen Touren von Haus zu Haus oder erledigt Besorgungen für ihn, weil sie weiß, wie schwierig es heutzutage ist, in Venezuela drei Kinder durchzufüttern und ihre Kosmetika und Kleider zu kaufen. Aber die Familie hält es für eine gute Investition. Andrea will Model werden, um davon ihr Medizinstudium zu bezahlen.

Rhetorik-Lehrerin und Schauspielerin Betty Hass zeigt Andrea nicht nur die richtige Aussprache, sondern gibt inzwischen auch Ratschläge, wie man selber Shampoo herstellen kann. „Glycerin ist etwas leichter zu bekommen, und dank Videos auf Youtube habe ich gelernt, daraus Shampoo und Seife selbst zu machen“, erzählt die fröhliche 58-Jährige. „Die ersten Versuche waren gruselig, aber man lernt dazu.“

Es ist ihre Art der Rebellion, um eine gewisse Kontrolle über ihr eigenes Leben wiederzuerlangen. „Man fühlt sich gedemütigt, die wertvolle Zeit in Warteschlangen zu verschwenden.“ Der Mangel regt aber die Fantasie an. „Wir sind nun zwangsläufig Vegetarier“, sagt sie. Und erklärt, wie sie statt Industriezucker Honig oder braune Rohrzuckerhütchen verwendet oder die beliebten Maismehlfladen aus Maniokmehl herstellt. „Ganz vorzüglich“, schwärmt Betty Hass.

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