Manhattan 13 Jahre nach 9/11 : Das neue One World Trade Center ist eröffnet

Mehr als 13 Jahre nach den Terrorattacken vom 11.September 2001 hat das One World Trade Center eröffnet. Doch nur 60 Prozent der Büroflächen sind vermietet. Dabei gilt es als sicherstes Hochhaus der Welt.

Lukas Hermsmeier
Ein Gebäude der Superlative: 104 Stockwerke hoch, 3,9 Milliarden Dollar teuer - das neue One World Trade Center in Manhattan.
Ein Gebäude der Superlative: 104 Stockwerke hoch, 3,9 Milliarden Dollar teuer - das neue One World Trade Center in Manhattan.Foto: AFP

„Nein, tut mir leid“, sagt der Sicherheitsmann und springt von einer Drehtür zur nächsten. Immer wieder: „Nein, tut mir leid.“ Worte in Dauerschleife. Er und seine Kollegen haben seit dieser Woche eine neue Hauptbeschäftigung: Touristen aufhalten, die das Gebäude betreten wollen. 13 Jahre nach den Anschlägen auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001 sind an diesem Montag die ersten Mieter in das One World Trade Center eingezogen.
Sie werden nun jeden Tag ihren Hausausweis vorzeigen, das Marmorfoyer passieren, sich in einen der 54 Fahrstühle begeben und an ihren Schreibtisch setzen. Ganz normale Arbeit an einem ganz und gar nicht normalen Arbeitsplatz. Für alle anderen, eben auch für die tausenden Touristen, die diesen geschichtsbeladenen Ort täglich besuchen, bleiben die Türen des Hochhauses allerdings weiter geschlossen.
„Die Wiedergeburt von Lower Manhattan“, „Ein Zeichen der Amerikanischen Widerstandsfähigkeit“, „Emotionaler Meilenstein“ – in New York spart man nicht an Pathos. Doch wo diese Stadt sonst so stolz auf ihren ständigen Ausnahmezustand ist, richtet sich die Sehnsucht an diesem Ort nach Normalität. Der ist man seit Montag einen Schritt näher.

Sehnsucht nach Normalität

Wo vor 13 Jahren mehr als 2700 Menschen starben, ist jetzt wieder Geschäftsleben eingekehrt. Der Verlag Condé Nast („Vogue“, „New Yorker“, „Vanity Fair“) hat die Stockwerke 20 bis 44 des One World Trade Centers bezogen. Vorerst sind es nur 175 Mitarbeiter, im Laufe der kommenden Monate ziehen dann alle 3400 Angestellten vom alten Sitz am Times Square in den neuen Turm im Financial District. Unter anderem auch die legendäre Vogue-Chefin Anna Wintour, die in der 25. Etage sitzen wird. Zu den künftigen Bewohnern des Hauses gehören unter anderen Stadionbetreiber Legends Hospitality, das Handels- und Kulturzentrum China Center und mehrere US-Behörden.


„Der Blick ist unglaublich. Dieses Gebäude ist etwas Besonderes, das spürt man sofort“, sagt Henry R. (57), der als Netzwerk-Analyst für Condé Nast im 44. Stock arbeitet. Er und seine Kollegen hätten sich auf den Umzug schon lange gefreut. Ob es kein seltsames Gefühl sei, im neuen World Trade Center zu arbeiten? „Nein“, sagt Henry, „ich bin vielmehr stolz darauf“.
Weniger als zwei Stunden lagen am Morgen des 11. September 2001 zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs und dem Einsturz beider Türme. Eine gewaltige Lücke wurde in die Skyline Manhattans gerissen. Doch die Fassungslosigkeit wich zumindest oberflächlich schnell Trotz und Aktionismus. Und so dauerte es nur wenige Wochen, bis eine Behörde mit dem Namen Manhattan Development Corporation (LMDC) gegründet wurde. Ihr Auftrag: ein neues World Trade Center.

Ein Gebäude der Superlative

Entstanden ist ein Gebäude der Superlative. Es fasst 104 Stockwerke, ist in Anlehnung an das Jahr der Amerikanischen Unabhängigkeit genau 1776 Fuß hoch (541 Meter) und damit das höchste Haus der westlichen Welt. Aber auch das teuerste: Die Kosten haben sich von ursprünglich angesetzten 1,5 auf 3,9 Milliarden US-Dollar (3,1 Milliarden Euro) mehr als verdoppelt. Bei der Refinanzierung hofft man auf die Aussichtsplattform in 381 Metern Höhe, die Millionen Besucher anziehen soll. Sie eröffnet im kommenden Frühjahr, wenn auch die Innenarbeiten beendet sein werden.

Das Medieninteresse ist groß - doch vermitet sind längst noch nicht alle Stockwerke.
Das Medieninteresse ist groß - doch vermitet sind längst noch nicht alle Stockwerke.Foto: Reuters


Der US-amerikanische Star-Architekt Daniel Libeskind hatte den Architektenwettbewerb 2003 mit einem recht spektakulären Entwurf gewonnen. Doch nicht nur der Name änderte sich mit den Jahren von Freedom Tower zu One World Trade Center, auch das Design. Und so hat das Gebäude, wie es jetzt so glasig, kantig – Kritiker sagen: nüchtern – aus dem Boden ragt, mit Libeskinds Entwurf nicht mehr viel zu tun. Der verantwortliche Immobilienentwickler Larry Silverstein entschied sich für seinen Lieblingsarchitekten David Childs, der Libeskinds Pläne novellierte. Im April 2006 wurde schließlich mit dem Bau, für den mittlerweile die New Yorker Hafenbehörde verantwortlich ist, begonnen, ehe im Mai 2013 Richtfest gefeiert und die 124 Meter lange Antenne montiert wurde. Nun die Eröffnung.

Viele Angestellte wollen nicht
an diesen Ort zurück

„Dass jetzt endlich Menschen hier jeden Tag ein und aus gehen, ist auch für uns ein wichtiger Schritt“, sagt einer der Bauarbeiter, der seit 2006 ins Projekt involviert ist. Dafür habe man schließlich die ganze Zeit gearbeitet. Der Mann steht vor einem Bauzaun, auf dem steht: „Hallo Zukunft. Wir vergessen nicht, was vergangen ist.“ Allerdings sind sich auch viele Unternehmen der dunklen Geschichte bewusst. Und so sind bislang nur 60 Prozent der Büroflächen vermietet. „Viele Angestellte sagen, dass sie nicht an diesen Ort zurück wollen“, erklärt Filmemacher Mike Marcucci, der für seinen Film „16 Acres“ den Wiederaufbau begleitet hat.
Dabei gilt das One World Trade Center mit seinem 57 Meter hohen Betonsockel als sicherstes Hochhaus der Welt. Kein Flugzeug oder mit Sprengstoff beladener Lastwagen sollte es zerstören können. Selbstverständlich stehen ringsherum auch keine Mülleimer.

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