Manhattan : Die Kluft der großen weiten Welt

Stuyvesant Town ist eine gigantische Ansammlung von Backsteinhochhäusern, ein Symbol für die geplatzte Immobilienblase und ein Sozialwohnungskomplex in Manhattan. Plötzlich wollen dort Reiche leben.

Sebastian Moll[New York]
Manhattan
Hässlich, aber trotzdem begehrt. Stuyvesant Town in Manhattan. Die Finanzkrise hat die Bewohner erst mal gerettet. Vorerst. -Foto: laif

Es gibt nur wenige deutsche Vokabeln, die Eingang in die amerikanische Umgangssprache finden. Eines dieser Worte ist „Schadenfreude“ – ein Gefühl, das Amerikanern in der Regel fremd ist. Soni Fink zögert jedoch nicht eine Sekunde, den Begriff zu verwenden, als man sie nach ihrem derzeitigen Gemütszustand fragt. „Man kann es nicht treffender ausdrücken“, sagt sie.

Dabei ist Mrs. Fink eigentlich keine Person, der man Boshaftigkeit zutraut. Die 85 Jahre alte New Yorkerin ist eine überaus liebenswürdige alte Dame. Die Pleite ihres Vermieters freut sie aber dennoch diebisch. „Es ist ein Triumph für uns alle hier“, sagt sie, während sie auf dem Sofa ihrer bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung an der 20ten Straße sitzt und an einem Tee schlürft.

Soni Fink ist eine von 25 000 Mieterinnen des größten Sozialbau-Komplexes von New York. Stuyvesant Town heißt die gigantische Ansammlung von Backsteinhochhäusern aus den 40er Jahren entlang des East River, die als letzte Enklave der einfachen Leute in Manhattan gilt. Vor drei Jahren hatte der Immobiliengigant Tishman Speyer die Anlage für die atemberaubende Summe von 5,4 Milliarden Dollar gekauft. Doch dann platzte die Immobilienblase, die Investition, mit Mitteln so unterschiedlicher Geldgeber wie der Regierung von Singapur, der englischen Kirche und der Deutschen Bank finanziert, krachte in sich zusammen. Ende Januar musste Tishman Stuyvesant Town, das auf nur noch 1,9 Milliarden Dollar geschätzt wird, seinen Gläubigern übergeben. Die Stuyvesant-Town-Pleite ist in jeder Hinsicht ein Lehrstück über die Mechanismen der Immobilienblase und über die Ursache der Probleme, mit denen seit rund eineinhalb Jahren die Weltwirtschaft zu kämpfen hat.

Der Milliarden-Deal war das größte Immobiliengeschäft aller Zeiten. Es war ein Vabanquespiel auf dem Gipfel des Spekulationswahns, in seiner maßlosen Profitsucht nicht zu überbieten. Stuyvesant Town galt lange Zeit als das gelungenste Sozialbau-Großprojekt in New York, wiewohl viele Betrachter es für hässlich halten. Aber anders als bei den Sozialbausiedlungen der 60er und 70er Jahre gab in der Anlage aus den 40er Jahren reichlich Licht und Grünflächen. Es lebten vorzugsweise Familien von städtischen Angestellten hier: Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute. Nach 1947 kamen Weltkriegsveteranen hinzu. „Es war eine wunderbare friedliche Gemeinschaft“ erinnert sich Soni Fink, die 1961 zu ihrem Mann zog, der 1947 als ehemaliger Soldat hier eine Wohnung bekommen hatte.

Soni und ihr Mann zogen ihre beiden Kinder in Stuyvesant Town groß. Die Finks konnten damals von seinem relativ bescheidenen Einkommen als Grafiker in New York überleben – heute wäre so etwas undenkbar. Die Mieten waren dauerhaft stabilisiert und so blieb auch die Bevölkerung in Stuyvesant stabil. „Die Leute sind nicht weggezogen, man hat 30 Jahre lang neben derselben Familie gewohnt.“

Das Kleinbürgeridyll überstand zunächst eine Gentrifizierungswelle nach der anderen. Aus allen Ecken Manhattans wurden in den 80er und 90er Jahren Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen in die Außenbezirke verdrängt, nur nicht aus dem wenig schönen Sozialwohnungskomplex Stuyvesant Town. Erst die Immobilienblase der vergangenen Jahre brachte die letzte Oase der einfachen Leute an den Rand des Abgrunds.

Als um die Jahrtausendwende die Immobilienpreise in New York begannen, ins Astronomische zu schießen, geriet Stuyvesant unter Druck. Das Großgrundstück auf dem begehrtesten Baugrund der Welt wurde zu wertvoll, um nicht die Begehrlichkeiten von Spekulanten zu wecken. Die Versicherungsgesellschaft Met Life kaufte den Komplex auf und begann, wo sie konnte, die Mietpreisbindung abzuschaffen. Wohnungen, aus denen langjährige Bewohner auszogen, wurden in Luxusapartments verwandelt, überall, wo es auch nur die geringste Unregelmäßigkeit gab, verklagte die Versicherung die Mieter auf Räumung. Mit dem Kauf durch Tishman Speyer 2006 beschleunigte sich dieser Verdrängungsprozess dramatisch. Der mit riesigen Mengen von Fremdkapital finanzierte Deal würde sich nur rentieren, wenn so viele Mieten wie möglich so schnell wie möglich auf Marktniveau angehoben werden konnten. „Es war ein regelrechter Krieg gegen die Mieter“, sagt Soni Fink. „Sie haben jeden Vorwand ausgenutzt, um die Leute vor Gericht zu zerren.“ Der Charakter der Anlage begann sich rapide zu verändern. „Es zogen immer mehr Bankiers und Anwälte ein oder Studenten, die sich Wohnungen zu viert teilten“, erinnert sich Soni Fink. Warum plötzlich Reiche in diese Sozialwohnungen ziehen wollten, ist ein bisschen rätselhaft. Die Alteingesessenen empfanden es als Bedrohung. „Man kannte plötzlich niemanden mehr.“ Gemeinschaften lösten sich auf, Stuyvesant Town wurde anonym. Menschen wie Soni Fink begannen sich in ihrem eigenen Heim fremd zu fühlen. Als im Herbst 2008 die Mietervereinigung eine Klage gegen Tishman wegen unrechtmäßiger Deregulierung gewann, begann sich jedoch der Wind zu drehen. Tishman bekam Liquiditätsprobleme, es wurde immer schwieriger, die mehr als vier Milliarden Dollar an Krediten abzubezahlen. Schließlich musste der Investor aufgeben.

Soni Fink, die gerne den Rest ihrer Tage in jener Wohnung verbringen würde, in der sie ihre Kinder großgezogen hat, kann jetzt wieder aufatmen. So lange, bis die Zwangsvollstreckung gegen Tishman abgewickelt ist, bleiben die Mieten stabil.

Was die Zukunft bringt, kann jedoch noch niemand sagen. Momentan ist der New Yorker Immobilienmarkt deutlich abgekühlt. Auch die risikobereitesten Käufer sind zurückhaltend. Die Chancen stehen sogar gut für die Mietervereinigung von Stuyvesant, ihre eigene Anlage zu kaufen und das letzte Reservat der einfachen Leute zu retten. Aber es kann natürlich auch alles noch anders kommen. Niemand kann garantieren, dass irgendwann alles wieder von vorne losgeht. Das würde Mrs. Fink dann lieber nicht mehr erleben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben