Welt : Manhattan: Sperrgebiet in New York

Heike Buchter[Lars Halter],Jens Korte

Jeder Schritt ist ein neuer Schock. Je näher man dem Stahlgerippe kommt, desto schwarzer werden die Wolken. Von weitem ist der Qualm grau, bleich, schleicht wie ein letzter Atemzug über die Wolkenkratzer im Financial District. Von nahem ist der Rauch schwarz. Flammen sind keine zu sehen, aber der Qualm drückt schwer durch die Gassen und nimmt jede Sicht. Von nahem sieht es so aus, als würde das World Trade Center noch tagelang weiterbrennen.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Fotostrecke I: Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon
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Fotostrecke III: Rettungsarbeiten in New York
Fotostrecke IV: Trauerkundgebung am Brandenburger Tor
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Es ist erst einige Tage her, dass wir selbst dem Terror entkommen sind. Wir, das sind die Korrespondeten vom Büro "Wall Street Correspondents", das täglich von den New Yorker Finanzmärkten via Fernsehen, Funk, Print und Internet berichtet. Das Büro im Trinity Building, 111 Broadway, liegt nur 200 Meter Luftlinie vom World Trade Center entfernt. Der vergangene Dienstag fing auch für die deutschen Börsenreporter friedlich an. Die gewöhnliche, morgendliche Hektik einer Redaktion: Die Fernseher sind laut. Meldungen müssen schnell nach Deutschland geschickt werden. Nachrichten werden diskutiert. Es ist 8 Uhr 45. Der Einschlag des ersten Flugzeugs wir zunächst fast nicht bemerkt. Papier flattert vom Himmel. Im Fernsehen tauchen erste Bilder vom brennenden Wall Trade Center auf. Fassungslosigkeit.

Ein Funkloch rettet Leben

Wenige Minuten später, um 9:03 Uhr, schlägt das zweite Flugzeug in die Twin Towers ein. Die Redaktion ist zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt. Als der erste Turm um 10:05 Ortszeit der Hitze nachgibt, ist das Büro bereits geräumt. Am nächsten steht Sascha Quaiser. Fast zu nah. Nur ein Funkloch rettet den Fernseh- und Radiojournalisten. Um einen besseren Empfang mit dem Handy zu bekommen, geht er um eine Häuserecke und damit aus der unmittelbaren Gefahrenzone, Sekunden vor dem Einsturz.

Tagtäglich arbeiten die Korrespondenten um den Börsenexperten Markus Koch an der Wall Street. Es herrscht ein lockerer Umgangston an der amerikanischen Börse. Doch in der Hektitk des Geschäfts bleibt immer Zeit für ein nettes Wort oder einen kurzen Gruß. Freundschaften sind in den vergangenen Jahren entstanden. Doch der Terroranschlag vom vergangenen Dienstag hat das Leben in New York, zumindest vorübergehend, grundlegend verändert. Ein befreundeter Broker vermisst zwei Bekannte. "Es tut mir so Leid, dass junge Menschen so etwas Furchtbares miterleben müssen. Diese Tragödie werden sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen." Fassungslosigkeit. Diese Worte stammen von einem alten Börsenhasen, der seit über 30 Jahren an der New York Stock Exchange arbeitet.

"Good to see you", lautet eine gängige Floskel in Amerika. Selten war sie so ernst gemeint wie im Moment. Auf Pressekonferenzen kommt beinahe eine fröhliche Stimmung auf, wenn man die Kollegen gesund wiedersieht. Doch was bleibt, ist das dumpfe Gefühl, dass der Schrecken noch nicht vorüber ist.

Die Rettungsarbeiten kommen nur schleppend voran. Die Furcht, dass weitere Gebäude einstürzen könnten, sowie Spekulationen über berstende Gasleitungen lähmen das Vorankommen der Bergungsarbeiten. "Helden" werden die Bergungsteams in der amerikanischen Presse genannt. Über 200 Feuerwehrleute haben ihr Leben bei der Suche nach Überlebenden verloren. "Gehen sie jetzt rein?" - "Ich darf dazu nichts sagen." Der Soldat im Tarnfleck hat Redeverbot wie alle Uniformierten. Er ist 33 Jahre alt und in New York aufgewachsen. Mehr darf er nicht sagen. Mehr will er auch nicht sagen. Dafür spricht sein Gesicht Bände. Der junge Mann ist einer von Tausenden Helfern, die in den Trümmern des Financial Districts Tote gesehen haben.

Über 50 000 Menschen haben in den beiden Türmen des World Trade Centers gearbeitet. "Zehntausend" Tote beweinte das Boulevardblatt "Daily News". Nach jüngsten Schätzungen sind es deutlich unter 5000. Aber die sind längst keine anonyme Masse mehr. Sie haben Namen, ein Gesicht, eine Geschichte. Seit Dienstagabend sind die ersten Toten identifiziert. Seit Mittwoch laufen ihre Namen auf dem CNN Info-Band am unteren Bildschirmrand. "Thelma Cuccinello, 71, Wilmort, New Hampshire - Charles Jones, 48, Bedford, Massachusetts - Jude Larson, 31, Los Angeles, California - Christina Henson, 2, Massachusetts - Juliana Valentine McCourt, 4, Westford, Massachusetts" steht da. Und jeder Name ist ein Leben, ein Schicksal. Der Mexikaner, der am Dienstag einen Tag früher als geplant seinen Job als Kellner im "Windows on the World" wieder aufnahm, jenem berühmtesten amerikanischen Restaurant. Das Pärchen, das Hand in Hand aus dem achtzigsten Stock in den Tod sprang. Die Fernseh-Juristin, die vom Flugzeug aus ihren Mann anrief: "Liebling, wir sind entführt worden. Wir stürzen ab."

Im Fernsehen kommen auch die, deren Namen, deren Schicksal nicht der Tod ist. Der Broker Peter Tipaldo, der nie zu spät im Büro war - bis auf diesen Dienstag. Er musste zu Hause auf einen Monteur warten. Oder Ray Bartells, der in Tower Eins arbeitet und ein Meeting in Tower Zwei hatte. "Sie haben gesagt: bleiben Sie, wo sie sind. Das Gebäude ist sicher. Wir sind trotzdem gerannt." Das hat ihm das Leben gerettet. Oder Donald, der 33-jährige Web-Developer aus dem North-Tower. Er hatte die U-Bahn verpasst, kam eine gute Viertelstunde zu spät ins Büro.

Doch viele Bilder bleiben dem TV-Zuschauer verborgen. Die Details der Rettungsarbeiten können und dürfen von den Kameras nicht erfasst werden. Heike Buchter arbeitet für Wall Street Correspondents, schreibt sonst über Anlagemöglichkeiten in den USA. Zwei Tage nach dem Anschlag ist ihre Geschichte eine ganz andere.

Wieder mache ich mich auf den Weg nach Down Town Manhattan. Es ist Donnerstag, später Nachmittag. Die erste Polizeisperre ist auf der Höhe Houston Street, die zweite, wesentlich strengere auf der Höhe Canal Street. Ich scheitere mit meinem deutschen Presseausweis. Ein italienischer Kollege gibt mir den Tipp, mich zum Hauptquartier der Polizei durchzuschalgen. Dort erhalte ich die befristete Erlaubnis, in das Katastrophengebiet zu gehen. Ich laufe unter der Brooklyn Bridge durch, auf der nur Rettungsfahrzeuge unterwegs sind. Vor mir kann ich City Hall, das Rathaus erkennen. Ich halte mich östlich, parallel zum East River. Noch eine Straßensperre, der junge Polizist läßt mich nach einigem Hin und Her durch.

Auf der Straße und auf den geparkten Autos liegt zentimeterhoch feines, helles Pulver. Ich ziehe mir die Atemschutzmaske über Nase und Mund. Auf den Treppen vor dem Krankenhaus Mount Sinai sitzen Sanitäter, Ärzte und Feuerwehrleute. Wortlos starren sie auf den Boden. Ich laufe durch verlassene Straßen und versuche, in Richtung Wall Street zu kommen. Da kommt mir ein Fahrzeug mit der Aufschrift Sheriff entgegen. Per Lautsprecher fordert eine Stimme mich auf, sofort umzukehren, gehorsam drehe ich um. Bei einem weiteren Versuch treffe ich drei Männer, die die Fassade des gegenüberliegenden Hochhauses beobachten. "Da fallen Teile der Fassade auf die Fußgängerbrücke", warnt mich einer der drei. Sie sind Angestellte des Holiday Inn und sollen das verlassene Hotel schützen. Auch die Schmuckfassaden sind mit der feinen Staubschicht überzogen.

Die Katze ist noch in der Wohnung

Ein Trupp Soldaten hat sich auf einer breiten Treppe niedergelassen. Daneben sitzen Feuerwehrmänner. Keiner sagt ein Wort. An den Kreuzungen schieben Polizei und Militär gemeinsam Wache. Ich schlage einen Bogen, möglichst weit nach Osten. Es gelingt mir zum Battery Park durchzukommen. Hier beginnt der Broadway, der sich fast ganz bis zur Nordspitze Manhattans durchzieht. 111 Broadway, da haben wir unsere Redaktionsräume. Oder hatten? Von hier aus ist wenig zu erkennen.

Tonnenschweres Gerät und Trucks, zum Abtransport von Schutt, rollen an mir vorbei. Die Straße wird von Soldaten abgeriegelt. Davor haben sich Anwohner versammelt. Ein Mann regt sich auf: "Wir waren schon an der Tür, ich hatte den Schlüssel schon in der Hand, da holen die uns weg." Ein Paar ist mit einem leeren Katzentransportbehälter gekommen, ihr Haustier ist noch in der Wohnung. Es ist nichts zu machen, keiner kommt durch. Ich spreche mit einem der Wachposten über die Bombendrohungen, die stündlich eintreffen. Handelt es sich nur um Trittbrettfahrer? "Nein, an der Verazano Bridge haben sie ein Auto mit Sprengstoff angehalten", erzählt er mir und auch die Drohung, das Empire State Building zu sprengen, sei ernst zu nehmen gewesen. Von ihm erfahre ich auch, dass das Gebäude 1 Liberty Plaza, das keine 50 Meter von unserem Bürohaus entfernt ist, schon fünf Zentimeter abgesackt sei. "Keiner weiß, was zu tun ist. Eine Sprengung würde die Möglichkeit, noch irgendjemanden lebend aus dem Türmmerfeld zu retten, völlig zerstören." Auch die Appartmenthäuser auf der Westseite hätten Risse. "Es wird sehr lange dauern, bis Sie wieder in ihrem Büro arbeiten", schüttelt er den Kopf. Ich komme mit einem englischen Fotografen ins Gespräch. Tim hat Aufnahmen für Cantor Fitzgerald gemacht, einer Spezialinvestmentfirma mit 1000 Mitarbeitern. 90 Prozent werden vermisst.

Über uns kreisen Militärhubschrauber wie zornige Hornissen. Es wird langsam dunkel. Wir blicken beide in die Richtung, in der bis Dienstag die Türme des World Trade Center die Skyline überragten. Stumm machen wir uns auf den Heimweg. Inzwischen ist es dunkel. Es gibt kaum Licht, da der Strom weg ist. Wir stolpern durch die dunklen Strassen. Plötzlich bleibt Tim stehen. "Ist es das, was ich glaube?", fragt er ungläubig. Am Ende der Straße, im gleißenden Flutlicht ragen die verbogenen Fassadenteile des World Trade Centers auf.

Im Schatten von Lastwagen verborgen, gelingt es uns bis zum Broadway vorzustoßen. Trinity Church, die kleine Kirche an der Wall Steet, steht noch. Aber alles ist mit weißem Staub bedeckt, zwischen den Grabsteinen flattern Papierfetzen. Ich sammle einen auf. Ein Notizzettel eines Morgan Stanley Mitarbeiters, Adresse 2 World Trade Center.

Wir laufen weiter, direkt an unserem Bürogebäude vorbei, dass wir vor knapp zwei Tagen überstürzt verlassen mußten. Es steht vollständig dunkel da. Aber die Fenster scheinen noch vohanden zu sein. Die Marmortreppe ist vollständig überzogen mit Staub und Dreck, vor dem U-Bahn Eingang raschelt Papier. Irgendjemand hat eine volle Wasserflasche am Eingang vergessen. Vor dem Anschlag herrschte um diese Zeit nach Handelsschluss normalerweise Betriebsamkeit, viele bummelten nach Feierabend gern noch ein Stück den Broadway hinauf, um einzukaufen. Die meisten aber wollen auf dem schnellsten Weg nach Hause und hasten in Richtung World Trade Center. Heute dröhnen die Dieselgeneratoren der Rettungsmannschaften, die damit vor allem ihre starke Flutlichtanlage betreiben.

Die Angst ist zum Greifen nah

Als wir auf dem kleinen Platz vor dem einstigen WTC stehen, trifft es uns erneut. Dort wo einst die zwei gigantischen Türme standen, ist nur ein Schuttberg geblieben, aus dem immer noch Rauch aufsteigt. Selbst jetzt weigert sich mein Verstand zu akzeptieren, was ich sehe. Neben uns steht eine Guppe Arbeiter. Sie bemerken uns Zivilisten nicht, weil sie gebannt auf das dunkle Gebäude gegenüber schauen. Das ist Liberty Plaza, ein weiteres Gebäude, das vom Einsturz bedroht ist.

Angst ist förmlich zum Greifen nah. Nur eine Handvoll Journalisten begegnet uns. Um Fragen zu vermeiden, gehen wir zielstrebig. Doch nutzt alles nichts, wir werden entdeckt und aufgefordert, nach Norden das Gebiet zu verlassen. "Das Gebäude kann gleich einstürzen". Irgendetwas hält mich, jetzt schließt sich der Kreis vom Dienstag. Strahlender Tag, gespenstische Nacht, grelle Scheinwerfer, wo die Männer nach Toten graben. Ein Mann zeigt uns zwei Tüten, die er mit Staub gefüllt hat. "Das ist mehr als Staub", sagt er. "Es ist etwas von uns allen aus diesen Tagen darin."

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